Bulle 11.03.2017

Mehr als Zucker und Eiweiss

«Meringue Light»: Von innen beleuchtet und museal inszeniert, wird die Meringue zur formschönen Skulptur.
Die Freiburger Künstlerin Camille von Deschwanden macht aus einem Schaumgebäck ein vielseitiges Kunstobjekt: Ihr Projekt «Meringue Light» dreht sich um die Meringue und um vieles mehr. Zu sehen ist es jetzt im Greyerzer Museum in Bulle.

«Eine meiner Stärken ist, dass ich hartnäckig bin und keine Angst vor grossen Aufgaben habe.» Das sagt die Freiburger Künstlerin Camille von Deschwanden über sich selbst. «Wenn ich eine Idee habe und ein Projekt anfange, dann führe ich es auch zu Ende – egal, wie lange es dauert.» Dabei wirkt die 47-Jährige keineswegs verbissen. Sie spricht mit leiser Stimme, ruhig und überlegt, und sie lacht gern und viel. Doch wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist sie nicht zu bremsen. Anders wäre ihr Projekt «Meringue Light», das sie jetzt im Greyerzer Museum in Bulle präsentiert, auch nicht möglich gewesen. Schon zum Auftakt im Herbst 2014 hatte sie es geschafft, keinen Geringeren als Bischof Charles Morerod an Bord zu holen, der sie im Rahmen einer Performance als «Botschafterin der Meringue» taufte (die FN berichteten). Ziel war, die Meringue mit Licht und Farbe zum Kunstobjekt zu machen und sie so in die Welt hinauszutragen.

Schaumgebäck mit Eigenleben

An die fünfzig Orte im Kanton Freiburg, in der übrigen Schweiz und im europäischen Ausland hat Camille von Deschwanden seither mit ihren Meringues besucht. Sie backt diese stets frisch und setzt sie in Szene, indem sie sie von innen beleuchtet und manchmal dem Anlass entsprechend dekoriert, sie ausstellt und fotografiert. «Die Meringue ist der Star», so die Künstlerin. «Sie lebt und hat viele unterschiedliche Gesichter.»

Welches Eigenleben das Schaumgebäck entwickelt hat und wie es Camille von Deschwanden für ihre Arbeit inspiriert hat, ist jetzt im Greyerzer Museum zu sehen. Die Ausstellung besteht aus drei Teilen: Der erste ist der Meringue und ihrer Reise gewidmet. In zwei weiteren Sälen entwickelt die Plastikerin von Deschwanden die Formen der Meringue weiter, mit jenen Werkstoffen, mit denen sie schon seit Jahren arbeitet: mit Papier und mit LED-Glasfasern. Gerade diese Entwicklung ist für Isabelle Raboud-Schüle, Direktorin des Museums, besonders interessant. «Camille von Deschwanden zeigt die Sinnlichkeit der Meringue und denkt sie weiter, jedoch ohne ihre schlichte Essenz zu verändern. Und die Meringue erweist sich als solide genug, um diese Experimente mitzumachen.» Es gehe bei dem Projekt nicht um die Geschichte der Meringue als Freiburger Tradition und als Teil des kulinarischen Erbes, so die Ethnologin. «Es geht um eine künstlerische Interpretation, die von einem Gebäck aus Eiweiss und Zucker in eine Welt der Sinnlichkeit, der Formen und Farben führt.»

Im Greyerzer Museum beginnt die Reise in jenem Raum, in dem der Star der Ausstellung sorgsam in Szene gesetzt ist: Die beleuchtete Meringue liegt auf ihrem Sockel und wird zur formschönen Skulptur. Videos führen die Besucherinnen und Besucher zurück zu den Anfängen des Projekts, mit Aufnahmen von der Performance mit Camille von Deschwanden und Bischof Charles Morerod. Schon hier wird der feine Humor der Künstlerin deutlich, der ihre Arbeit stets durchzieht. «Meine Arbeit hat ein ernsthaftes, intellektuelles Fundament», sagt sie, «aber sie soll auch leicht und unterhaltsam sein.»

Diese leichten Seiten zeigen sich auch in den ausgestellten Fotografien, die während Camille von Deschwandens Reisen mit der Meringue entstanden sind. «Wenn man mit einer Meringue unterwegs ist, kann vieles passieren, woran man vorher nicht gedacht hat», so die Künstlerin. Die Menschen hätten überall interessiert und neugierig auf ihr Projekt reagiert. Doch nebst den vielen Begegnungen hätten auch intensive, einsame Momente dazugehört: ein Besuch in Brüssel im November 2015, als nach den Terroranschlägen in Paris Alarmstufe Rot herrschte; ein Aufenthalt in Istanbul, als die Türkei noch unter dem Schock eines Bombenanschlags ihr Parlament neu wählte; oder auch der Moment in einem Café in Barcelona, als sie auf das Einsetzen der Dämmerung wartete, um ihre Fotos machen zu können. «Da fing ich an, mir Gedanken über mein Leben und meine Metamorphosen zu machen.»

Zwischen Kunst und Wissenschaft

Diese Gedanken setzte die Künstlerin in den filigranen, schwebenden Skulpturen aus Papier und Kupferdraht um, die im zweiten Teil der Ausstellung zu sehen sind. Sie haben die Form von Kleidungsstücken und erinnern an die abgeworfenen Häute von Häutungstieren. Die Figuren stehen auch für den Wandel der Künstlerin, der zu ihrem jüngsten Projekt führte, das sie zum Abschluss der Ausstellung zeigt: «La dentelle lumineuse», die leuchtende Spitze, ist ein hängendes Monumentalwerk von sechs auf sieben Metern, das die Formen von Meringues aufnimmt und gleichzeitig an edle Spitzenstoffe erinnert. Es besteht aus Glasfasern mit LED-Lämpchen, die Camille von Deschwanden in 900 Arbeitsstunden in die gewünschte Form gebracht hat. Danach folgte eine aufwendige Programmierarbeit, um die wechselnden Farben der Installation mit der eigens komponierten Musik des Japaners Wataru Miyakawa in Einklang zu bringen.

Und auch damit gibt sich die Perfektionistin noch nicht zufrieden. Vielmehr arbeitet sie jetzt daran, aus dem Kunstwerk ein medizinisches Projekt zu machen: Weil das Betrachten der Farb- und Formenspiele und das Hören der Musik eine entspannende Wirkung haben, könnte die Installation in Spitälern und Heimen zum Einsatz kommen, etwa bei der Anästhesie oder in der Palliativpflege. Camille von Deschwanden arbeitet darum mit dem Neurologen Etienne Pralong vom CHUV in Lausanne zusammen, um herauszufinden, wie die Betrachter körperlich auf das Werk reagieren. Auch die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung in Bulle können ihren Beitrag leisten: Ausgestattet mit einem Armband, das die physischen Reaktionen misst und aufzeichnet, können sie sich für eine halbe Stunde unter die hängende Installation legen und diese auf sich wirken lassen.

Ob in der Kunst oder in der Wissenschaft: Camille von Deschwanden ist mit ihren Meringues noch lange nicht am Ende. «Die Meringue hat noch so viele Möglichkeiten», sagt sie lachend. Und auch persönlich bekommt die Freiburgerin mit Greyerzer Wurzeln nie genug von dem Gebäck: «Ich liebe es immer noch, Meringues zu backen und zu essen!»

Greyerzer Museum, Bulle. Bis zum 13. August. Di. bis Fr. 10 bis 12 und 13.30 bis 17 Uhr, Sa. 10 bis 17 Uhr. Sommeröffnungszeiten ab dem 1. Juni: Di. bis Sa. 10 bis 17 Uhr, So. 13.30 bis 17 Uhr.

«Die Meringue ist der Star.»

Camille von Deschwanden

Künstlerin