Bulle 10.02.2018

Die Auswanderer und die Haie

Symbolkraft: Der Hai steht für die auf der Überfahrt verstorbenen Auswanderer, aber auch für jene, die von den Migranten profitieren – damals wie heute.
Für die «Fotografische Ermittlung: Thema Freiburg» war Thomas Brasey im brasilianischen Nova Friburgo unterwegs. In der vor 200 Jahren gegründeten Auswandererstadt hat er Eindrücke zum Thema Migration gesammelt, die einen Bogen in die Gegenwart schlagen.

Welche Spuren von Freiburg gibt es in der brasilianischen Stadt Nova Friburgo, 200 Jahre nachdem die Schweizer Auswanderer sich dort niedergelassen haben? Warum haben die Emigranten damals ihre Heimat verlassen? Wie gestaltete sich ihre Auswanderung? Und wie leben ihre Nachkommen heute in der 150 Kilometer von Rio de Janeiro entfernten Stadt? – Es sind viele Fragen rund um die Gründung und die Entwicklung von Nova Friburgo, die sich der Fotograf Thomas Brasey im Rahmen der «Fotografischen Ermittlung: Thema Freiburg» gestellt hat.

Im Auftrag des kantonalen Amts für Kultur hat Brasey seine dokumentarische Arbeit in den Jahren 2015 und 2016 umgesetzt. Das Ergebnis ist jetzt in einer Ausstellung im Greyerzer Museum in Bulle und in einem Bildband zu entdecken – pünktlich zur 200-Jahr-Feier der Gründung von Nova Friburgo. «Das bevorstehende Jubiläum war mir nicht einmal bewusst, als ich mein Projekt eingereicht habe», sagt Thomas Brasey, «aber es passt natürlich hervorragend.»

Impressionen, Porträts und Objekte

Braseys Arbeit besteht aus zwei Teilen: Der eine Teil, in Farbe fotografiert, ist während eines dreiwöchigen Aufenthalts des Fotografen in Nova Friburgo entstanden. Diese Bilder zeigen zum einen Impressionen aus der Stadt und aus der Umgebung, zum anderen Porträts von Einwohnerinnen und Einwohnern mit Vorfahren aus dem Kanton Freiburg oder aus der übrigen Schweiz. «Die meisten von ihnen haben längst keinen Bezug mehr zur alten Heimat», so Brasey. Ausgewählt hat er sie allein aufgrund ihrer freiburgischen oder schweizerischen Nachnamen wie Jaccoud, Ouverney oder Folly. Alle Leute, die er angefragt habe, seien interessiert gewesen und hätten gerne mitgemacht, erzählt der Fotograf.

Als Gegenpol zu den Farbbildern zeigt Brasey eine Reihe von schwarz-weissen Studioaufnahmen, die grösstenteils in der Schweiz entstanden. Anhand von verschiedenen Objekten symbolisieren diese Bilder die schwierigen Umstände einer Auswanderung im 19. Jahrhundert, die beschwerliche Reise und die vielen Enttäuschungen – und sie weisen gleichzeitig darüber hinaus, bis zu den Flüchtlingswellen der Gegenwart. Das vielleicht stärkste Bild ist die Aufnahme eines Hais, die grossformatig mitten in der Ausstellung prangt. «Manche Auswanderer überlebten die beschwerliche Überfahrt nach Brasilien nicht», erklärt Thomas Brasey. «Wenn jemand auf dem Schiff starb, warf man seine Leiche über Bord – und diese wurde dann von Haien gefressen.» Aber das Bild reicht weiter: «Es ist ein Symbol für die Organisatoren der Nova-Friburgo-Auswanderung, die ohne Rücksicht auf die Not leidenden Auswanderer möglichst viel Profit aus dem Unterfangen schlagen wollten. Und es ist ein Symbol, das genauso gut zu den Schleppern der heutigen Zeit passt.» Die subjektiven Ansätze seien durchaus gewollt, betont Brasey. «Ich mische gern verschiedene Arten von Bildern, um meiner dokumentarischen Arbeit mehr Aussagekraft zu geben.

«Mehr Folklore als Geschichte»

Dass er in Nova Friburgo nicht mehr Schweizer Spuren gefunden habe, habe ihn anfangs erstaunt, so Thomas Brasey: «Ausser Personen- und Ortsnamen erinnert auf den ersten Blick nicht viel an die Auswanderungsgeschichte.» Tatsächlich sei das Interesse an den Schweizer Wurzeln erst in den 1970er-Jahren neu erwacht. Seither seien etwa Trachtengruppen entstanden oder jene grosse Tell-Skulptur, die er fotografiert habe. «Das hat aber mehr mit Folklore zu tun als mit Geschichte.»

Für den 37-jährigen Lausanner war es das erste Mal, dass er nach Brasilien reiste. Besonders beeindruckt hätten ihn die Offenheit und die Hilfsbereitschaft der Menschen, sagt er. «Alle waren freundlich und halfen mir gern, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.»

Greyerzer Museum, Rue de la Condémine 25, Bulle. Bis zum 15. April. Di. bis Fr. 10 bis 12 und 13.30 bis 17 Uhr, Sa. 10 bis 17 Uhr, So. 13.30 bis 17 Uhr. www.musee-gruerien.ch.

Zahlen und Fakten

Dokumentarische Arbeiten über den Kanton

Das Projekt «Boaventura» von Thomas Brasey ist die zehnte Ausgabe der «Fotografischen Ermittlung: Thema Freiburg». Das kantonale Amt für Kultur hat die Serie 1996 ins Leben gerufen, um aktuelle Freiburger Themen fotografisch zu dokumentieren. Die Fotografische Ermittlung wird alle zwei Jahre durchgeführt und auf Wettbewerbsbasis vergeben. Aktuell arbeitet die Fotografin Virginie Rebetez an der elften Ausgabe; sie befasst sich mit Heilkundigen und ihrer Rolle in der Gesellschaft.

cs