Leichtathletik 24.07.2017

Wenn Bronze mehr wert ist als Silber

Zwei Kraftpakete im Duell: der Freiburger Pascal Mancini (l.) und der Basler Alex Wilson.
Dreimal Silber und einmal Bronze – das ist die Ausbeute, mit der die Freiburger von den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften in Zürich zurückkehren. Die Freude über die gewonnenen Medaillen ist aber nicht bei allen gross.

Zwei Medaillen konnte Pascal Mancini an diesem Wochenende anlässlich der Schweizer Meisterschaften in Zürich seinem Palmarès hinzufügen. Über 100 m erreichte der Sprinter der FSG Estavayer-le-Lac in 10,42 Sekunden den zweiten Rang hinter dem unantastbaren Basler Alex Wilson (10,25). Und bei seinem ersten SM-Start über 200 m konnte sich Mancini in 21,00 nach einem verrückten Rennen ebenfalls mit Silber schmücken. Zusammen mit Silvan Wicki (Old Boys Basel) war der Freiburger einer von nur zwei Athleten, die im Letzigrund doppeltes Edelmetall gewannen. So richtig freuen vermochte sich der 28-Jährige darob aber nicht. «Ich habe mir mehr erhofft», gab er offen zu.

Mancinis Enttäuschung über Silber

Der Grund für Mancinis Enttäuschung: Im Vorprogramm der Athletissima Lausanne Anfang Juni war er in 10,25 gestoppt worden – genau gleich schnell wie Alex Wilson. Noch nie war Mancini die 100 m so schnell gelaufen. «Nach diesem Rennen geriet Alex ins Grübeln und befürchtete, er könne an der Schweizer Meisterschaft gegen mich verlieren», erklärt Mancini. «Und ich glaubte, dass das Unmögliche vielleicht doch eintreffen könnte und ich ihn in Zürich würde bezwingen können.» Daraus wurde dann aber nichts. Mit Vorlauf, Halbfinal und Endlauf hatte Mancini in Zürich in vier Stunden drei Einsätze zu absolvieren. «Da ich mich schon den ganzen Tag müde fühlte und Bachschmerzen hatte, gelang mir der nötige Exploit nicht.» Am Ende fehlten dem Schweizer Meister von 2014 siebzehn Hundertstel zu Gold.

Auch wenn sich Mancini mehr erhofft hatte, der Sieg von Alex Wilson war keine Überraschung. Der 26-Jährige hat in diesem Sommer eine markante Leistungssteigerung erfahren. Er läuft konstant bessere Zeiten als noch im Olympia-Jahr, hat unter anderem Ende Mai neue Schweizer Rekorde über 100 m (10,11) und über 200 m (20,37) aufgestellt. Der gebürtige Jamaikaner, der mit 15 Jahren nach Basel gekommen war, schloss sich letzten Herbst einer Trainingsgruppe in London um den Jamaikaner Lloyd Cowan an. «Ich trainiere dort an einem Tag so viel und so hart wie früher in einer Woche», erklärt Wilson seine Fortschritte. Auf Geheiss speckte er sechs Kilo auf 82 kg ab, zudem sind die Leistungsvorgaben für die Sommersaison happig: Wilson darf nur im Trainingscamp bleiben, wenn er Ende Saison eine Zeit von 10,05 beziehungsweise 20,20 vorweisen kann.

«Mehr lag nicht drin»

An den Schweizer Meisterschaften startete Wilson denn auch über 200 m als Favorit. Mit 20,23 gewann er überlegen und stellte einen neuen Schweizer Rekord auf, allerdings wurde dieser nachträglich für ungültig erklärt. Im Final hatte der Basler wegen eines Fehlstarts die Rote Karte gesehen; er legte aber Protest ein und durfte deshalb zum Neustart antreten. Weil der Protest aber nachträglich abgewiesen wurde, wurde Wilson disqualifiziert. So rückte Silvan Wicki als Sieger nach und Pascal Mancini vom dritten auf den zweiten Platz vor. Seine zweite Silbermedaille sicherte sich der Freiburger mit einer Zeit von 21,00.

«Der Fehlstart war sehr ungünstig für mich. Jeder Start kostet Energie, und da ich eh schon nicht fit war, kostete es mit noch zusätzliche Kraft», bedauerte Mancini. «Mehr als Rang zwei lag nicht drin, der erste Platz lag zu weit weg.»

Kempfs Freude über Bronze

Während sich Pascal Mancini über seine zwei Silbermedaillen nicht richtig freuen konnte, war Andreas Kempf (TSV Düdingen) nach dem Gewinn von Bronze über 5000 m «sehr zufrieden.» Der Schweizer Meister 2014 überquerte die Ziellinie als Dritter, in 14:26,76 Minuten büsste er 51 Hundertstelsekunden auf Silber und Luca Noti (ST Bern) ein. Gold ging an Jonas Raess (LC Regensdorf) in 14:22,88. «Angesichts des Verlaufs der bisherigen Saison und der guten Konkurrenz bin ich über Bronze sehr glücklich. In den letzten Monaten haben sich mit Uni-Prüfungen, Wohnungsumzug und Krankheit gab es einige Sachen, die sich negativ auf meinen Trainingsumfang ausgewirkt haben. So konnte ich dieses Jahr über 5000 m keine grossen Stricke zerreissen.»

Zu den Schweizer Meisterschaften trat der Heitenrieder nur mir der viertbesten national gelaufenen Zeit (14:12,89) an. «Niemand erwartete von mir eine Medaille. Es war eine sehr interessante Ausgangslage, für einmal ohne äusseren Druck antreten zu können.» Der Finallauf war geprägt von zahlreichen Führungswechseln, wobei auch Kempf gelegentlich an der Spitze lief. «Ich habe versucht, das Rennen nicht einschlafen zu lassen. Ich wusste, dass es einige sehr endschnelle Läufer im Feld hat, gegen die ich im Spurt chancenlos geblieben wäre. Einen Kilometer vor Schluss habe ich deswegen angegriffen.» Kemps Tempoverschärfung konnten nur Noti und Raess folgen, im Gleichschritt nahm das Trio die letzte Runde in Angriff. «150 Meter vor dem Ziel lag ich an zweiter Stelle, auf den letzten Metern musste ich mich aber noch überholen lassen. Mit Platz drei bin ich aber zufrieden.»

Kempf will künftig auf den Marathon setzen

Nun richtet Andreas Kempf seinen Fokus auf die Saison 2018 aus. Am 24. September will er den Berlin-Marathon laufen und dabei die Limite für die EM 2018 in Berlin unterbieten. Auch über 5000 m und 10 000 m peilt der 29-Jährige eine Teilnahme an den Europameisterschaften an. «Für nächstes Jahr habe ich drei Gelegenheiten, mich zu qualifizieren. Ab 2019 möchte ich mich dann aber auf den Marathon fokussieren.»

Für den Sensler geht es beim Berlin-Marathon auch darum, erste Erfahrungen über die 42 Kilometer zu gewinnen. Als Vorbereitung absolviert Kempf im August ein vierwöchiges Trainingslager auf dem Berninapass (2235 m ü. M.). «Da trainieren wir rund 400 Meter höher als in St. Moritz, wo wir in den letzten Jahren jeweils unser Sommertraining durchgeführt haben. Ich hoffe, dass sich das positiv auswirkt auf mein Leistungsvermögen.»

Frauen

Silber für Valérie Lehmann über 5000 m

Valérie Lehmann (GG Bern) hat bei den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften in Zürich die Silbermedaille gewonnen. Die Neueneggerin, die früher für den TV Bösingen gestartet war, lief über 5000 m in 16:52,15 Minuten ins Ziel und musste einzig ihrer Klubkollegin Martina Tresch (16:28,58) den Vorrang lassen.

Zurück zu alter Stärke

Langsam, aber sicher kommt Lehmann wieder an ihr altes Leistungsvermögen heran. Wegen Lähmungserscheinungen in den Beinen, hervorgerufen von einer Verengung der Becken-Arterie, hatte Lehmann ein Jahr lang keine Wettkämpfe mehr bestreiten können. Im November 3026 hatte sich die 36-Jährige an der Corrida in Bulle mit dem siebten Rang zurückgemeldet, seither geht es bergauf. Beim Frauenlauf im vergangenen Juni war sie hinter Fabienne Schlumpf und Martina Strähl drittbeste Schweizerin. Und seit Samstag kann sie sich über Silber an den Schweizer Meisterschaften über 5000 m freuen.ms