Volleyball 24.01.2018

«Düdingen muss sich nicht verstecken»

Kerley Becker (l.) und Kristel Marbach wollen heute erneut so energisch angreifen.
Im Achtelfinal des europäischen CEV-Cup trifft der TS Volley Düdingen heute (20 Uhr, St.-Leonhard-Halle) auf den Dresdner SC. Die Deutschen sind klarer Favorit, die Power Cats aber ein gefährlicher Aussenseiter.

Erstmals in seiner Vereinsgeschichte spielt der TS Volley Düdingen heute Abend in einem Achtelfinal des europäischen CEV-Cup. Mit einem hauchdünnen Sieg im Golden Set (15:13) gegen das israelische Team Hapoel Kfar Saba hatten die Power Cats vor zwei Wochen diese Premiere möglich gemacht. Mit dem Dresdner SC wartet nun ein äusserst attraktiver Gegner in der Runde der letzten Sechzehn. Das Team aus dem Osten Deutschlands ist Tabellenleader der Bundesliga und Cup-Finalist.

Wie stehen die Chancen von Düdingen, gegen den deutschen Traditionsverein zu bestehen? Nicki Neubauer, ehemaliger langjähriger Trainer der Power Cats und aktueller Co-Trainer des deutschen Frauen-Nationalteams, kennt die beiden Vereine bestens. Für den 40-Jährigen gibt es im heutigen Spiel einen klaren Favoriten und einen gefährlichen Aussenseiter.

Nicki Neubauer, wie gross ist die Chance von Volley Düdingen, heute Abend im CEV-Cup gegen den Dresdner SC zu gewinnen?

Die Chancen sind sicherlich kleiner als in der Runde zuvor. Gegen Kfar Saba durfte der Sieg eigentlich erwartet werden, auch wenn die Israelinnen in der Champions-League-Qualifikation gespielt haben. Dresden ist ein ganz anderes Kaliber. Die Chancen, dass Düdingen in die nächste Runde einzieht, schätze ich auf 30:70.

Dresden ist aktueller Leader der deutschen Bundesliga, Kfar Saba war Tabellenführer in der höchsten israelischen Spielklasse. Liegen die beiden Ligen niveaumässig so weit auseinander?

Zwischen den beiden Ligen liegen Welten. In Israel hat es zwei, drei Teams, die richtig Volleyball spielen können. In der Bundesliga ist die Spitze viel breiter. Das spielerische Niveau und der Rhythmus sind viel höher als in Israel. Die deutschen Mannschaften sind es gewohnt, ein hohes Tempo zu gehen.

Welchen Stellenwert hat das Volleyball in Dresden selbst?

Einen sehr hohen. In Dresden gibt es eigentlich nur Fussball und Volleyball. In den lokalen Medien ist Volleyball sehr präsent, jede Woche erscheinen mindestens drei grosse Berichte über den Dresdner SC. Der Verein hat eine sehr grosse Tradition. Fünfmal wurde er Deutscher Meister (1999, 2007/14/15/16), viermal Pokalsieger (1999/2002/10/16). Dresden hat schon den Challenge Cup gewonnen und in der Champions League gespielt. Letztes Jahr durchlief das Team nach einigen Umstrukturierungen eine kleinere Baisse. Diese Saison greift es aber wieder voll an. Für Düdingen ist es schön, ein Team wie Dresden zu Gast zu haben.

Zu den Heimspielen der Ostdeutschen pilgern im Durchschnitt 2800 Zuschauer ...

Das ist eine Kulisse, von der Vereine in der Schweiz nur träumen können. Für die Düdingerinnen wird es ein neues Gefühl sein, vor so vielen Zuschauern aufzutreten. Da wird die Nervosität höher sein als üblich. In dieser Saison konnte noch kein Team in Dresden gewinnen. Wollen die Power Cats die nächste Europacup-Runde erreichen, müssen sie mit einem guten Heimspiel die ­Basis dafür legen.

Wo liegen die Stärken von Dresden?

Das Team ist in der Breite sehr gut aufgestellt. Bei den Starting Six kann Düdingen einigermassen mithalten, auf der Bank besitzt Dresden aber klare Vorteile. Die Amerikanerin Madison Bugg zum Beispiel, die letzte Saison in Neuenburg starke Leistungen zeigte, ist heuer in Dresden nur zweite Passeuse. Dank des breiteren und ausgeglicheneren Kaders hat Cheftrainer Alexander Waibl mehr taktische Möglichkeiten als sein Gegenüber Dario Bettello. Zudem hat Dresden einige sehr starke Individualistinnen im Team.

Zum Beispiel?

Zuspielerin Mareen Apitz ist eine Ausnahmekönnerin. Sie ist eine jener Volleyballerinnen, die ein Spiel an sich reissen und es in andere Bahnen lenken kann. Wenn es bei Dresden nicht läuft, kommt sie rein und dreht die Partie. Apitz ist das Herzstück der Mannschaft.

So wie Passeuse Kristel Marbach bei den Power Cats.

Absolut, Mareen Apitz spielt aber noch auf einem etwas höheren Level. Sie ist Vize-Europameisterin, war viele Jahre im Ausland engagiert und hat mit Baku Erfahrungen in der Champions League gesammelt. Vor ihr muss sich Düdingen in Acht nehmen.

Vor wem noch?

Die serbische Mittelblockerin Ivana Mrdak hat sowohl im Block als auch im Angriff grosse Qualitäten. Trotz ihrer Grösse von 1,94 m ist sie sehr schnell und dynamisch. Zudem verfügt Dresden über zwei junge und sehr talentierte Aussenangreiferinnen. Zum einen die Holländerin Marrit Jasper, die sowohl im Angriff wie in der Annahme sehr stark ist. Und zum anderen Dominika Strumilo, die zu den grössten Talenten Belgiens zählt. Auf der Diagonalposition ist die Finnin Piia Korhonen ein steter Gefahrenherd. Auch sie ist erst 20-jährig, aber schon sehr vielseitig und sprunggewaltig.

Dresdens Libera ist 1,84 m gross und eine der Kleinsten im Team …

Myrthe Schoot war ursprünglich eine Angreiferin. Aus einer Verletzung heraus wurde die Holländerin zur Libera umfunktioniert. Manchmal kommt sie noch als Angreiferin zum Einsatz. Die körperliche Differenz ist ein gutes Indiz für die Unterschiede zwischen der Bundesliga und der Schweizer Nationalliga: Düdingen hat für NLA-Verhältnisse ein gross gewachsenes Teams, bei Dresden ist aber alles noch ein Stockwerk höher. Es wird nicht leicht für die Power Cats, den gegnerischen Block zu überwinden. Die Starting Six von Dresden wartet mit einer unglaublichen Power auf.

Und Sie sind sicher, dass Düdingens Siegeschancen bei 30:70 liegen und nicht weniger? Sehr optimistisch hören sich Ihre Aussagen für die Power Cats und ihre Anhänger nicht gerade an.

Doch, doch, Düdingen braucht sich nicht zu verstecken. Dresden ist auf dem Papier zwar klarer Favorit, die Power Cats sind aber nicht chancenlos. Sie haben in dieser Saison schon einige beeindruckende Leistungen gezeigt. Das Team verfügt über eine sehr hohe Eigenenergie, Power steckt bei ihm nicht nur im Namen drin. Wenn Düdingen mutig auftritt und einen guten Tag erwischt, ist eine Überraschung möglich.

Wie könnte das Düdinger Erfolgsrezept aussehen?

Die Stärken der Düdingerinnen sind das gute Zusammenspiel zwischen den Mitte- und den Diagonalspielerinnen sowie ihr Block. Diese beiden Elemente müssen sie reinbringen. Entscheidend wird sein, dass Düdingen gut serviert. Dresden ist es von der Bundesliga her gewohnt, dass die Aufschläge wuchtig und präzis kommen. Die Power Cats müssen ihre besten Services auspacken, wenn sie den Gegner unter Druck setzen wollen. Gelingt das nicht, wird es sehr schwer.

Werden Sie sich das Europacup-Spiel zwischen Düdingen und Dresden anschauen?

Natürlich! Ich werde im Auftrag des Deutschen Volleyball-Verbandes vor Ort sein. In meiner Funktion als Co-Nationaltrainer werde ich einige Spielerinnen beobachten. Es hat im Team von Dresden nicht nur starke Ausländerinnen, sondern auch drei junge, sehr talentierte Deutsche. Sie sind allesamt Kandidatinnen für das Nationalteam.

Budget

«Jedes Bier, jedes Raclette ist für uns wichtig»

Sportlich sind die Auftritte im CEV-Cup für den TS Volley Düdingen interessant und attraktiv, finanziell sind sie für den Verein ein Risiko. Mit rund 30 000 Franken schlägt eine Europacup-Runde zu Buche. Für die Europacup-Spiele gegen Kfar Saba hatten die Power Cats unter anderem mit einem Fondueplausch – 250 Personen nahmen daran teil – und einer Crowdfunding-Aktion Einnahmen generiert. «Dank diesen Aktionen konnten wir unsere Ausgaben decken», sagt Düdingens Präsident Christian Marbach.

Raclette gegen rote Zahlen

Für die zweite Europacup-Runde gegen Dresden präsentiert sich die Situation schwieriger. «Nach unserer definitiven Qualifikation hatten wir nur zehn Tage, um alles zu organisieren und die Werbetrommel zu rühren», sagt Marbach. «Die Zeit war zu knapp, um erneut grosse Side-Events zu organisieren.» Sein Club verfüge nicht über eine professionelle Administration, die das hätte übernehmen können. «Wir servieren in der St.-Leonhard-Halle ab 18 Uhr Raclette für alle Interessierten. Wir hoffen, dass möglichst viele kommen. Jedes Bier, jedes Sandwich, das wir verkaufen, ist wichtig für uns. Es lässt sich aber kaum vermeiden, dass wir diesmal rote Zahlen schreiben.»ms

«Düdingen hat ein gross gewachsenes Team, bei Dresden ist aber alles noch ein Stockwerk höher.»

Nicki Neubauer

Ex-Trainer TS Volley Düdingen

«Die Power Cats müssen ihre besten Services auspacken, wenn sie Dresden unter Druck setzen wollen.»

Nicki Neubauer

Trainer Deutsches Nationalteam