FREIBURG 10.08.2017

«Unternehmen geraten unter Druck»

Allgemeine Bauferien gehören der Vergangenheit an. Im Bild: Sicherungsarbeiten wegen Felssturzgefahr in Schwarzenburg.
Die Betriebsferien der Baubranche werden laut Jean-Daniel Wicht, dem Direktor des Baumeisterverbands, immer weniger respektiert. Vor allem die öffentliche Hand gebe, wenn es um Schulen gehe, öfter Arbeiten in der ersten Augusthälfte in Auftrag.

Vor einigen Jahrzehnten waren die Bauferien noch eine feste Grösse im Arbeitsleben. Jedermann wusste: In der ersten Augusthälfte läuft auf den Baustellen nichts. Die Bagger und die Schaufeln ruhten. Doch die Veränderungen in der Wirtschaft machen sich auch hier bemerkbar.

Jean-Daniel Wicht, Direktor des Freiburger Baumeisterverbands und FDP-Grossrat aus Villars-sur-Glâne, ist mit der Situation gar nicht zufrieden. «Die Baubranche versucht im Allgemeinen zwar immer noch, vom 1. bis zum 15. August offizielle Betriebsferien zu machen», sagt er. «Doch leider wird dies immer mehr untergraben.» Und zwar nicht von Privatpersonen und Unternehmen – sondern von der öffentlichen Hand.

«Immer mehr Gemeinden und Schulen wünschen, dass Arbeiten während der Sommerferien im August erledigt werden, sei es aus verkehrstechnischen Gründen oder weil die Schulkinder dann nicht von Emissionen betroffen sind.»

Arbeit in Equipen

Dies sei nicht unproblematisch. Denn im Unterschied zu Büroarbeiten, wo die Mitarbeiter gestaffelt Ferien nehmen könnten, seien Bauarbeiter in der Regel in Teams von zehn bis 20 Personen beschäftigt. Diese Teams könne man nicht einfach auseinanderreissen, zumal sie in der Regel auch gut aufeinander eingespielt seien. Eine ständig neue Durchmischung von Teams könnte auf einer Baustelle unter Umständen sogar ein Sicherheitsrisiko bedeuten, so Wicht.

Ausserdem gebe es gerade unter den Bauarbeitern sehr viele Gastarbeiter, und die seien es sich gewohnt, dass sie im August Ferien in ihren Heimatländern, bei ihren Familien, machen könnten.

Es trifft die Mittelgrossen

Gegen diese Problematik kann man laut Wicht grundsätzlich nicht viel unternehmen. Der Verband setze sich allenfalls im Rahmen des Submissionswesens dafür ein, dass die Fristen für die Erledigung von Bauarbeiten im Sommer allenfalls um ein bis zwei Wochen verlängert werden. Es gebe aber auch Ausnahmen, wo die Arbeiten tatsächlich unaufschiebbar seien. Im Einzelfall suche man mit den konkreten Auftraggebern das Gespräch, um eine für alle Seiten konstruktive Lösung zu finden. Im Frühling 2018 wolle der Baumeisterverband ausserdem einen entsprechenden Rundbrief an alle Gemeinden schicken, mit dem Ziel, diese für die Thematik zu sensibilisieren, sodass sie die Bauferien respektieren würden.

«Vor 20 Jahren war das noch anders», erinnert sich Wicht. «Da gab es wirklich noch Bauferien, und es war sehr selten, dass eine Firma Anfang August überhaupt auf dem Bau arbeitete. Doch leider geraten die Unternehmen immer mehr unter Druck.» Und zwar vor allem diejenigen mit einer mittleren Grösse. Die ganz Grossen könnten es sich eher leisten, einmal Nein zu sagen. «Bei den Grossbaustellen der TPF und des Kantons in Givisiez arbeitet momentan bis Mitte August ganz sicher niemand», so Wicht. Und die sehr kleinen Unternehmen machten trotz allem in der Regel ihre Betriebsferien, weil sie gar keine andere Möglichkeit hätten.

«Ungleiche Verhältnisse»

«Wenn nun die einen Firmen im August durcharbeiten und die anderen nicht, führt dies letztlich auch zu ungleichen Verhältnissen auf dem Markt», so Wicht weiter. «Das kann nicht das Ziel sein.» Die Arbeitnehmer hätten ein Recht auf ihre Ferien, und wenn sie gezwungen werden, diese nicht im Sommer zu nehmen, schaffe dies andernorts wieder Probleme.

Kein gesetzlicher Rahmen

«Früher hatten mehr Betriebe im Sommer geschlossen», sagt Staatsrat Jean-François Steiert (SP), Raumplanungs-, Umwelt- und Baudirektor des Kantons. «Das betrifft aber nicht nur den Baubereich, sondern etwa auch die Uhrmacherei.» Zu den letzten Bereichen, in denen Betriebsferien noch vielerorts üblich seien, gehöre die Gastronomie.

Dass komplett geschlossene Betriebe in der Baubranche immer seltener würden, sei eine Tatsache, so Steiert weiter. Er beobachte allerdings nicht, dass es einen fundamentalen Unterschied hinsichtlich der Vergabepolitik bei der öffentlichen Hand und bei privaten Auftraggebern gebe. Der Druck sei allgemein grösser geworden. Immer mehr Auftraggeber wollten eine möglichst rasche Umsetzung ihrer Bauvorhaben. Einen gesetzlichen Rahmen in Sachen Bauferien habe es auf eidgenössischer Ebene seines Wissens nie gegeben, so Steiert.

«Staat kann nicht viel tun»

Die Schulen stünden ihrerseits selbst unter Druck. Die starke Bevölkerungszunahme, die der Kanton in den letzten Jahren zu verzeichnen hatte, bedinge auch immer mehr Schulraum. Im Zuge einer gewissen Rationalisierung seien die bestehenden Räumlichkeiten vielerorts schon jetzt bis zum letzten ausgenutzt, und die Schulleitungen hätten bei Sanierungs- oder Renovationsarbeiten immer weniger Spielraum. Dieser Faktor sei allerdings nicht entscheidend.

Letztlich könne der Staat gegen den Druck innerhalb der Branche aber gar nicht viel tun. Bei den grossen Baufirmen gebe es seines Wissens schon gegenwärtig keine Bauferien mehr, da dies wohl von den meisten als Wettbewerbsnachteil empfunden werde. Die Grossbaustellen in Givisiez stellten insofern eine Ausnahme dar, da bei ihnen eine relativ komplexe Zusammenarbeit zwischen TPF und Kanton nötig sei.

Stimmen aus der Baubranche

«Väter sind dringend auf Schulferien angewiesen»

Will man sich derzeit unter den Bauunternehmen der Region umhören, so merkt man relativ bald, dass die Kleinunternehmen derzeit gar nicht erreichbar sind – sie haben Betriebsferien. Die grösseren Player nicht.

«Wir kennen keine Bauferien», sagt Andrea Wucher, CEO der Weiss-Appetito-Gruppe, die unter anderem in Ried bei Kerzers präsent ist. «Das Baugeschäft läuft während den Sommermonaten unverändert weiter», so Wucher. «Teils mit reduzierter Belegschaft, da unsere Mitarbeiter, die Väter von schulpflichtigen Kindern sind, dringend auf die Schulferien angewiesen sind.»

Das von Wicht angesprochene Problem mit den Teams hat man bei der Weiss-Appetito-Gruppe nicht, so Wucher weiter. «Unsere Teams werden flexibel zusammengestellt», sagt sie. «Diese Flexibilität haben wir uns geschaffen.» Gerade in den Sommermonaten sei dies sehr wichtig, wenn es um die Sanierung und Renova­tion von Schulhäusern gehe. Solche Arbeiten könnten tatsächlich sinnvollerweise nur in den Sommerferien erledigt werden. Die entsprechenden Anliegen der Gemeinden seien insofern berechtigt. «Im laufenden Schulbetrieb würden die Schüler einfach zu stark unter den Emissionen leiden», so Wucher. Gesetzliche Richtlinien für Bauferien im Sommer gebe es nicht.

«Bei uns arbeiten einige wenige Equipen», sagt Daniel Broye, administrativer Direktor der André Antiglio AG aus Freiburg. «Aber 90 Prozent unserer Mitarbeiter haben Ferien.» Lediglich auf gewissen Baustellen werde derzeit noch weitergearbeitet. Die Teams würden in seiner Firma je nach Auftrag schon auch einmal aufgeteilt, einzelne Mitarbeiter auf andere Baustellen verlegt. «Wir versuchen jedenfalls immer, bei der Ferienplanung eine Lösung zu finden, die möglichst alle zufriedenstellt», so Broye.

Dass Arbeiten in Schulen idealerweise in den Schulfe­rien durchgeführt würden, sei grundsätzlich sicher verständlich. Allerdings seien solche Aufträge in der Regel schon frühzeitig bekannt und können meistens gut in die Planung integriert werden.

jcg