Freiburg 18.03.2017

«Klein oder gross sein ist völlig normal»

Jean-Marc Vuissoz ist einer von 40 bis 50 Hormonspezialisten in der Schweiz.
Seit kurzem hat das Freiburger Spital sein Angebot auf Hormonstörungen im Kindes- und Jugendalter ausgeweitet. Der Facharzt Jean-Marc Vuissoz führt Hormontherapien durch, um so Krankheiten zu behandeln. «Mit Doping hat das nichts zu tun», sagt er.

Amtlich ist Jean-Marc Vuissoz 1 Meter 68 gross. Auf den Zentimeter genau kennt er seine Grösse aber nicht. Er vermutet, dass er ein Spätzünder war und in Tat und Wahrheit noch einen oder zwei Zentimeter grösser ist.

Jedenfalls erachtet es der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin als Vorteil, dass er kein Riese ist. Wenn er kleinwüchsigen Jugendlichen sagt, dass Stärken und Schwächen einer Person nichts mit der Grösse zu tun haben, so wirkt er äusserst glaubwürdig. Seit letztem Herbst ist Jean-Marc Vuissoz Leitender Arzt in der Klinik für Pädiatrie am Freiburger Spital HFR (die FN berichteten); er ist Spezialist für Diabetologie und pädiatrische Endokrinologie. Mit ihm hat das Spital sein Angebot auf hormonelle Störungen im Kindes- und Jugendalter erweitert.

Vuissoz ist einer von 40 bis 50 Hormonspezialisten in der Schweiz. Neben ihm ist in Freiburg noch Alexander Maret als privater Anbieter Spezialist auf diesem Gebiet.

Wachstum hängt von Natur ab

«90 Prozent der Wachstumsstörungen sind nicht auf einen Mangel an Wachstumshormonen zurückzuführen», erklärt Vuissoz. Mit anderen Worten: «Klein oder gross sein kann ein Zeichen von einem Hormonmangel oder einer anderen Krankheit sein. Aber es kann auch völlig normal und muss keine Krankheit sein.»

Entsprechend stellt Vuissoz klar, dass es nichts mit Doping zu tun hat, wenn er bei Kindern oder Jugendlichen eine Hormontherapie durchführt. «Bei neun von zehn Patienten ist es eine Ersatztherapie: Wenn ein Kind einen Hormonmangel hat, kann man diesen korrigieren.»

Bevor bei einem Kind eine Hormontherapie angeordnet wird, ist eine genaue Abklärung nötig. Das ist für Vuis­soz einer der Gründe, warum er am Spital tätig ist. «Für eine Diagnose muss man die Hirn­anhang­drüse stimulieren und schauen, ob ein Wachstumshormon ausgeschieden wird. Dazu braucht es eine gewisse Infrastruktur, etwa den Betrieb einer Tagesklinik.» Manchmal brauche es auch ein bildgebendes Verfahren wie etwa eine Magnetresonanztomografie des Schädels.

Vuissoz sagt, er habe als allgemeiner Kinderarzt begonnen, sich dann aber auf Hormone spezialisiert, weil diese für die Entwicklung eines Kindes von besonderer Wichtigkeit seien. Laut Vuissoz können Hormonstörungen verschiedene Formen annehmen und auch in Verbindung mit anderen gesundheitlichen Problemen auftreten. Diabetes oder Schilddrüsenprobleme sind Beispiele dafür. Auch psychischer Stress könne sich auf das Wachstum auswirken.

Es geht nicht um Idealbilder

Wenn es zu einer Therapie mit Wachstumshormonen kommt, ist das für Vuissoz eine Krankheitsbehandlung und keine Behandlung mit dem Ziel eines Idealbildes. Eine Hormonbehandlung nur um des Wachstums willen werde bei einem gesunden Kind in Europa kaum durchgeführt, sagt er. In den USA habe man, wenn ein Kind sehr klein ist, diesbezüglich weniger Hemmungen. Wenn ein jugendlicher Patient und seine Eltern mit dem Wunsch nach einigen Zentimetern mehr kommen und das Kind gesund ist, dann sei es oft ein Leichtes, sie von dieser Idee abzubringen, so Vuissoz.

Er macht sie darauf aufmerksam, dass eine solche Therapie bei einem Kind ohne Hormon­störung eine Spritze pro Tag, oft über mehrere Jahre, zu einem Preis von 20 000 Franken im Jahr bedeutet, und dass dabei bloss zwei bis fünf Zentimeter mehr Körpergrösse resultieren. Auch macht er auf das Risiko möglicher Nebenwirkungen aufmerksam. «Kinder sind intelligent und verstehen, was das für sie bedeutet. Zu 95 Prozent macht das niemand freiwillig für nur einige Zentimeter mehr.» Der Arzt verweist lieber auf Beispiele wie Nicolas Sarkozy oder Sepp Blatter, die trotz kleiner Statur eine grosse Karriere machten.

Persönliche Erfüllung findet Jean-Marc Vuissoz in seiner täglichen Arbeit vor allem darin, dass er bei Patienten chronische Krankheiten wie Diabetes oder Störungen der Schilddrüse so behandeln kann, dass die Patienten keine Einschränkungen in ihrem täglichen Leben in Kauf nehmen müssen. Speziell ist auch, dass er dabei mit Patienten über Jahre hinweg in Kontakt bleibt, sei es auch nur jeweils für eine halbjährliche Kontrolle.

Der Hormonspezialist sieht auf seinem Fachgebiet Potenzial für weitere Fortschritte. So erwartet er, dass bei den Wachstumshormonen ein Präparat auf den Markt kommt, das man nur noch einmal die Woche statt jeden Tag spritzen muss. Und er geht davon aus, dass die Diagnostik immer besser wird.

«Zu 95 Prozent macht das niemand freiwillig für nur einige Zentimeter mehr.»

Jean-Marc Vuissoz

Endokrinologe

Definition

Pädiatrische Endokrinologie

In der pädiatrischen Endokrinologie werden Kinder und Jugendliche mit Störungen der Hormone, des Stoffwechsels oder der Ernährung behandelt. Diese Störungen können sich in einer Vielzahl von Erkrankungen äussern: Gewichtsprobleme (Fettsucht oder Fettstoffwechselstörung), Wachstumsstörungen, vorzeitige oder verspätete Pubertät sowie Diabetes. Aber auch weniger häufige gesundheitliche Probleme wie Erkrankungen der Hirn­anhang­drüse, der Nebenniere oder der Schilddrüse (Unter- oder Überfunktion), Anomalien in der Entwicklung der Geschlechtsorgane oder Kalziumstoffwechselstörungen (bestimmte Formen von Rachitis) gehören zum Behandlungsfeld dieses Fachbereichs.

uh