Freiburg 10.05.2017

Per Internet zu gesundem Schlaf

Die Idee zum Schlaf-Programm kam ihnen während der Studienzeit in Freiburg: (v.  l.) Dani Rotzetter, Jan Kühni, Alexander Rötger und Noah Lorenz.
Vier Alumni der Uni Freiburg haben ein Computer-Programm gegen Schlafstörungen entwickelt. Sie sind mit ihren Therapiemodulen erfolgreich und konnten schon Kliniken und Krankenversicherungen überzeugen.

«Heute leidet rund ein Drittel der Bevölkerung an Schlafproblemen, jeder Zehnte gar an chronischen Schlafstörungen», sagt Alexander Rötger, Psychologe und Experte für Schlafstörungen. «Das sind allein im deutschsprachigen Raum über zehn Millionen Menschen.» Im Gespräch mit den FN macht er auf die Folgen aufmerksam: «Man ist tagsüber müde, hat eine schlechte Stimmung und ist weniger leistungsfähig.»

Gedanklich abschalten

Als Ursachen für das schlechte Schlafen macht Rötger unter anderem den Alltagsstress, Ängste, finanzielle und berufliche Sorgen oder auch Sorgen in der Partnerschaft verantwortlich. «So beginnt es bei den meisten. Wenn man im Bett liegt, gehen einem viele Gedanken durch den Kopf. Der Körper bleibt so aktiv, statt sich in einen Ruhezustand zu versetzen», sagt er und weist darauf hin, dass viele dann auch falsch reagieren. «Wer tagsüber müde ist und einen Mittagsschlaf einschaltet, baut schon einen gewissen Schlafdruck ab und kann am Abend möglicherweise weniger gut einschlafen. Aus demselben Grund kann es auch kontraproduktiv sein, wenn man früher als gewohnt ins Bett geht. Wer beim Zubettgehen nicht müde ist, wird dann im Bett länger wach bleiben», erklärt er.

Bett ist zum Schlafen da

Nach Ansicht des Psychologen Rötger muss der Körper so eingestellt sein, dass er das Zubettgehen mit Schlafen verbindet. «Das Bett ist zum Schlafen da», betont er. Er hat nichts dagegen, wenn jemand vor dem Einschlafen noch ein paar Seiten lesen will. «Wenn diese Person so einschlafen kann, warum nicht.» Auch Alkohol am Abend kann helfen, besser einzuschlafen. «Aber dafür schläft er in der zweiten Nachthälfte schlechter», warnt Rötger. Auch fettige Speisen oder sportliche Aktivitäten vor dem Zubettgehen sind nach seinen Worten dem gesunden Schlaf nicht förderlich.

Wissenschaftliche Basis

«Die Entstehung von Schlafstörungen ist mittlerweile gut untersucht. Studien haben diese vielfach erforscht. Und es gibt heute sehr gute wissenschaftliche Methoden, wie man Schlafstörungen behandeln kann. Die meisten Leute, die unter Schlafstörungen leiden, verzichten aber auf eine psychotherapeutische Behandlung. Meistens fehlt ihnen die Zeit», sagt Rötger weiter. «Unser Programm basiert denn auch auf diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wir haben keine neue Therapie erfunden. Unser Programm hat jedoch den Vorteil, dass man keinen Psychologen aufsuchen muss. Diese haben oft lange Wartezeiten, und auch die Zeitspanne zwischen den Therapien ist viel zu lang. Wir bieten Hilfe mittels eines Computer-Programms namens ‹mementor somnium› an. Das Programm ist deutlich günstiger als der Psychologe, zumal die Krankenversicherungen oft nicht alles übernehmen», hält der Informatiker Dani Rotzet­ter fest. Das Mementor-Programm kostet 89 Franken. «Mit unserem Programm lernt der Nutzer, wie er sich verhalten muss, damit er besser schlafen kann, und dies in nur vier bis sechs Wochen», fügt er bei.

Sechs Sitzungen

Etwas Zeit nehmen muss der Nutzer des Programmes schon. «Wir bieten sechs wöchentliche Sitzungen mit insgesamt elf Modulen an, die je eine halbe Stunde bis zu 40 Minuten dauern. Zudem sollte der Nutzer täglich ein Schlafprotokoll ausfüllen. Aber das nimmt ja bloss eine Minute ein, und man kann es notfalls nachtragen», sagt Rötger. Dabei ist das Programm interaktiv aufgebaut. Das Team hat eine Figur namens «Meinolf» kreiert, der dem Nutzer immer wieder Fragen stellt. «Je nachdem, welche Antwort der Nutzer ankreuzt, reagiert Meinolf anders.»

In einer ersten Sitzung stellt Meinolf Fragen zum Schlaf, um die Schlafstörungen genauer zu ermitteln: Ein- oder Durchschlafprobleme oder zu frühes Erwachen am Morgen. Auch die Führung des Schlaftagebuchs wird erklärt. Dann wird Wissen über den menschlichen Schlaf vermittelt, die verschiedenen Schlafphasen, die körperlichen Veränderungen während des Schlafs, der Schlafrhythmus und die innere Uhr erklärt. In der zweiten Sitzung steht eine praktische Übung an. Es geht auch darum, die Schlafstörungen sowie deren Entstehung und Aufrechterhaltung zu erklären. Die dritte Sitzung ist den Schlafzeiten gewidmet: Wie kann man die Bettzeit anpassen, um den Schlafdruck zu steigern? Es folgt aber auch die Einführung in die Progressive Muskelentspannung, um körperliche und emotionale Erregungen zu verringern. In der vierten Sitzung steht das alltägliche Verhalten des Nutzers im Vordergrund. Es geht darum, die Verbindung von Bett und Schlaf wieder herzustellen. Der Patient lernt die wichtigsten Schlafhygiene-Regeln bezüglich Verhalten im Bett, Schlafumgebung, sportliche und andere Aktivitäten sowie Substanzen und Ernährung kennen.

Schlaffördernde Gedanken

In der fünften Sitzung wird der Zusammenhang von Gedanken und Gefühlen erklärt, schlafstörende Gedanken werden durch schlaffördernde Gedanken ersetzt. Dem Patienten werden zudem verschiedene Alltagsszenen präsentiert, in denen er eine Entscheidung treffen muss. Er bekommt dann eine Rückmeldung, ob sein Entscheid schlafförderlich war oder nicht. An der Schlusssitzung werden vor allem die Ziele analysiert, die sich der Nutzer zu Beginn der Therapie gesetzt hat. Und er wird auf die Zeit nach der Intervention vorbereitet, zum Beispiel im Umgang mit Rückfällen.

«Mementor»

Interesse von Kliniken und Krankenkassen

Kennengelernt haben sich die vier Studenten der Universität Freiburg, Alexander Rötger, Noah Lorenz, Jan Kühni und Dani Rotzetter, an einem Workshop. Im Rahmen dieser Veranstaltung des «Institute for Value Based Entrepreneurship» nahmen sie an einem Wettbewerb teil, in dem es galt, einen Business­plan zu einer Geschäftsidee zu erstellen. «Wir wollten ein Produkt entwickeln, mit dem psychische Störungen über das Internet behandelt werden können», sagt Dani Rotzetter, der aus Düdingen stammt. «Wir haben uns auf Schlafstörungen spezialisiert, da sie besonders häufig vorkommen und gut behandelbar sind. Zudem gibt es auf diesem Gebiet im Internet nicht so viele Konkurrenten. Wir haben eine Nische gefunden», fährt er fort.

Erfolgreich gestartet

Und so haben sie ihr Projekt in die Tat umgesetzt, zumal sie beim Wettbewerb den ersten Preis gewonnen haben. Zwei Psychologen und zwei Informatiker, das war für sie die gute Mischung, um ein Programm gegen Schlafstörungen zu entwickeln. Unterstützung erhielten sie dabei von der Somnologin Eva Birrer von der Seeklinik Brunnen. Zudem galt es natürlich, Investoren zu finden, um die Entwicklung voranzutreiben. «Wir haben ein zinsloses Darlehen von Seedcapital Freiburg erhalten», ergänzt Alexander Rötger.

Mittlerweile steht das Programm namens «mementor somnium» im Internet zur Verfügung. «Unser Programm wurde von der Universität Zürich und der Seeklinik Brunnen in einer klinischen Studie getestet. Wie die Ergebnisse der Studie zeigen, hilft es auch wirklich», betont Alexander Rötger. Laut Dani Rotzetter haben bisher rund 1000 Personen das Programm absolviert: «Wir haben durchaus positive Echos erhalten. Wir konnten in unserer Studie zeigen, dass die Teilnehmer nach Durchführung von Mementor deutlich besser schliefen als die Teilnehmer, die keinen Zugriff auf das Programm hatten. Unsere Nutzer schliefen schneller ein, verbrachten weniger Zeit im Bett und waren tagsüber leistungsfähiger. Leben können die vier von den 89 Franken pro Nutzer zwar noch nicht. «Wir investieren dieses Geld in die Weiterentwicklung unseres Produkts», sagt Rotzet­ter. Sie sind glücklich, dass nebst der Seeklinik Brunnen bereits eine grosse schweizerische Krankenversicherung ihr Programm auf ihrer Website zur Vorbeugung von Krankheiten empfiehlt und dabei einen Teil der Kosten übernimmt. «Wir verhandeln auch mit andern Krankenversicherungen, auch in Deutschland und Österreich, ebenso mit Kliniken», fügt Rötger bei. Er kann sich vorstellen, dass sie künftig auch Programme für andere Störungen entwickeln.

az