FREIBURG 10.08.2017

«Es war nie mein einziges Lebensziel»

Jacques Bourgeois hat sich für die Abstimmung zur Ernährungssicherheit entschieden.
FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois will nicht Bundesrat werden, kandidiert aber eventuell 2020 als Nationalratspräsident.

Die Würfel sind gefallen: Der 59-jährige Jacques Bourgeois, FDP-Nationalrat und Direktor des Schweizerischen Bauernverbands, aus Avry, kandidiert definitiv nicht für den Bundesrat. Dies teilte die Kantonalpartei gestern in einem Communiqué mit.

«Dies war eine schwierige Entscheidung, die ich aus persönlichen Gründen gefällt habe», sagte Bourgeois auf Anfrage. «Im Rahmen einer fundierten Reflexion habe ich das Dafür und Dawider einer Kandidatur erwägt, auch mit meiner Familie zusammen.» Einerseits hätte ihn das Exekutivamt sehr gereizt. Andererseits stehe auch die wichtige Abstimmung zur Ernährungssicherheit an, die nur vier Tage nach der Bundesratswahl, am 24. September, an die Urne gelangen wird. «Wenn ich mich für etwas engagiere, dann tue ich dies zu 200 Prozent», so Bourgeois. «Und zwei dermassen grosse Kampagnen gleichzeitig zu führen, ist nach menschlichem Ermessen schlicht nicht möglich. Ich musste eine Wahl treffen.» Die Tatsache, dass mit Alain Berset bereits ein Freiburger im Bundesrat Einsitz nehme, spiele demgegenüber eine untergeordnete Rolle. «Es wäre vielleicht ein Handicap gewesen, aber es gab auch schon gleichzeitig zwei Berner oder zwei Zürcher im Bundesrat.» Kompetenzen sollten bei einer Bundesratswahl wichtiger sein als die regionale Herkunft oder auch als das Geschlecht der Kandidierenden. Natürlich wäre es eine Gelegenheit für den Kanton Freiburg gewesen, gleich zwei Vertreter in der Landesregierung zu haben, sagt Bourgeois.

Für ihn persönlich wäre dies sicher auch eine einmalige Chance gewesen, in den Bundesrat zu kommen. «Dieser Zug fährt im Allgemeinen nur einmal vorbei», räumt er ein. Bundesräte blieben im Durchschnitt rund ein Jahrzehnt im Amt, und bis es wieder einmal zu einer solchen Konstellation kommen könnte, wäre er wohl zu alt für eine Kandidatur. «Klar ist es der Traum vieler Parlamentarier, Bundesrat zu werden», so Bourgeois. Für ihn selbst sei dies aber nie sein einziges Lebensziel gewesen. Seine gesundheitliche Situation habe den Entscheid jedenfalls sicher nicht beeinflusst. «Ich fühle mich fit und treibe Sport», bemerkt er dazu. Auch seine Familie wäre so oder so hinter ihm gestanden, wie auch immer er sich entschieden hätte. Im Übrigen habe er schon durch seine jetzigen Ämter genug politischen Einfluss. Und er könne sich durchaus vorstellen, 2020 als Nationalratspräsident zu kandidieren.

«Cassis in Poleposition»

Die Vertreter der Kantonalpartei nahmen den Entscheid ihres Exponenten gestern jedenfalls mit viel Respekt zur Kenntnis. «Jacques Bourgeois wäre ein sehr ernsthafter Kandidat gewesen», sagte Parteipräsident Sébastien Dorthe auf Anfrage. Bourgeois habe den Entscheid seinen Parteikollegen gestern Vormittag an einer Sitzung des Direktionskomitees mitgeteilt. Wen man seitens der Kantonalpartei nun favorisieren wolle, steht laut Dorthe noch nicht fest – zumal der Entscheid der Waadtländer Kollegen auch noch ausstehe. Er erwarte aber auf alle Fälle, dass das neue Bundesratsmitglied aus der lateinischen Schweiz komme.

«Die FDP hat tatsächlich zahlreiche gute Kandidatinnen und Kandidaten», sagt auch Vizepräsidentin Johanna Gapany. «Das spricht sicher für unsere Partei.» Es sei gerade deshalb auch klar, dass eine Kandidatur von Bourgeois auch noch lange nicht geheissen hätte, dass er auch gewählt worden wäre. Die Entscheidung, seine Kräfte auf den Urnengang zur Ernährungssicherheit zu konzentrieren, sei daher sicher nachvollziehbar. Und nicht zuletzt sei Bourgeois für die Partei auch an der Spitze des Bauernverbands sehr wertvoll – gerade für den landwirtschaftlich geprägten Kanton Freiburg. Dieses Mandat hätte er als Bundesrat abgeben müssen.

Peter Wüthrich, Präsident der FDP-Grossratsfraktion, sieht nun den Tessiner Ignazio Cassis klar in der Poleposition. «Das Tessin hatte seit dem Rücktritt von Flavio Cotti 1999 nie mehr einen Vertreter im Bundesrat.» Die besten Chancen auf einen zweiten Platz in einem möglichen Zweierticket habe indes wohl eine Frau.

«Es gab auch schon gleichzeitig zwei Berner oder zwei Zürcher im Bundesrat.»

Jacques Bourgeois

FDP-Nationalrat