Kritik 20.03.2017

Wunderbar, intensiv und grenzenlos virtuos

Im Rahmen der siebten Saison der «International Piano Series» begeisterte die 30-jährige Koreanerin Yeol Eum Son am Samstag das Publikum in der Aula der Universität Freiburg.
Sie ist 30-jährig und gilt als Ausnahmetalent in der Welt der Pianisten. Am Samstag faszinierte die koreanische Pianistin Yeol Eum Son in der Aula der Universität Freiburg mit ihrem virtuosen Spiel das zahlreiche Publikum.

Da sitzt sie salopp auf einem Stuhl mit goldglänzenden Schuhen und schaut mit ernstem Blick in die Welt: So zeigt sich Yeol Eum Son, die junge Pianistin aus Südkorea, auf Plakaten, Flyers und in Zeitungen. Eine Werbung, die eher Langweile suggeriert als das, was das Publikum am Samstagabend in der Aula der Universität erlebt hat. Die dreissigjährige Pianistin, die mit drei Jahren anfing Klavier zu spielen, präsentierte ein brillantes, hochvirtuoses und emotionales Spiel. Mit Etüden von Liszt, Chopin und Alkan interpretierte sie im ersten Teil Werke von drei grossen Klaviervirtuosen des 19. Jahrhunderts. Und mit Strawinskys «Petruschka» wagte sie sich an Ballettmusik beziehungsweise an ein dichtes, selten gespieltes Orchesterwerk, das der Komponist für Soloklavier umschrieb.

Glanzvolle Technik und profunde Musikalität

Welch ein Anfang! Bereits mit ihren ersten glasklaren Tönen in Liszts Etüde «La Leggierezza» nahm Yeol Eum Son das Publikum gefangen. Und welch zauberhaft sanften Anschlag zeigte sie auch in der folgenden Etüde «Un Sospiro». Auf Liszt folgten vier Etüden von Chopin. Alles spannungsgeladene Charakterstücke, die Chopin für den Konzertsaal geschrieben hat und um deren hohen technischen Anspruch jeder angehende Pianist weiss. In den zwei bekannten Etüden aus op. 10 zauberte die Pianistin Freudiges und Tiefsinniges, Beschwingtes und Expressives hervor, und das mitunter in einem rasanten Tempo, gepaart mit kristallklarem Anschlag, den man so selten zu hören bekommt. Die Pianistin verfügt auch über eine starke Linke, wie die faszinierende Interpretation der Etüde aus dem op. 25 zeigte. So vermochte Eum Son gar der etwas banalen Etüde von Alkan durch ein Ausbalancieren der rhythmischen Kontraste Spannendes abzugewinnen.

Überwältigende Klangkraft

Der zweite Teil war dem Tanz gewidmet. Beschwingt und klangschön spielte die Koreanerin, die heute in Hannover lebt, zuerst den G-Dur-Walzer von Debussy, dem gleich drei Tänze aus Strawinskys «Petruschka» folgten. Ursprünglich war dies ein Orchesterstück, in dem das Klavier eine führende Rolle haben sollte, dementsprechend geprägt von dichten Akkorden, Fortepassagen und atemberaubenden Tempi. Eum Son spielte – wenn auch die Fortissimoklänge ab und zu etwas hart erschienen – mit hinreissender Dynamik, welche das energische Potenzial dieser zierlichen Pianistin zeigte.

Mit Ravels Valse in G-Dur begab sich die Pianistin wiederum in ruhigere Gewässer und liess mit Werken von Chopin, Tschaikowsky und Douche nicht weniger als drei Zugaben folgen. Das Publikum bedankte sich für diese Schweizer Premiere mit Standing Ovation und zeigte sich erfreut, dass die Veranstalter der Konzertreihe «International Piano Series» auch in ihrer siebten Saison für eine pianistische Sternstunde sorgten.

Biografie

Viel Lob, aber wenig über die Musikerpersönlichkeit erfahren

«Sie ist in der Tat die Beste, und es ist an der Zeit, dass die gesamte Musikwelt dies erkenne und anerkenne», schreibt das Rotterdamer Dagblad. Ein Zitat, das grosse Erwartungen weckt und den vielen hochkarätigen jungen PianistInnen nicht gerecht wird. Das Zitat steht auf Flyer, auf Karten und Programmen. Und dem folgt auch gleich eine endlose Aufzählung über Preise und Auftritte der Pianistin ab dem Jahre 2004. Als ob das nicht selbstverständlich wäre? Über 20 Orchester sind da aufgelistet. Und zu den Höhepunkten in ihrer aktuellen Saison folgt nochmals das Gleiche. Auch Hinweise auf die CD-Aufnahmen dürfen da nicht fehlen. Ist dies in einem solchen Umfang tatsächlich von Interesse? Leider sind solche Biografien, die letztlich keine sind, heute in Programmen zur Manie geworden. Wäre es aber dem Konzertbesucher nicht viel mehr gedient, wenn er über die Musikerpersönlichkeit einiges erfahren würde? Über die Gedankenwelt, über den Alltag und über Lebensumstände, die den Weg zum «Ausnahmetalent» ebnen?

il