Kritik 15.04.2017

Wenn Musik und Glauben verbinden

Mit dem «Stabat Mater» von Sellitto und Traetta ging Dirigent Yves Corboz beim Karwochenkonzert in der Kollegiumskirche ein Wagnis ein.

Dass aus den Karwochenkonzerten eine Tradition werden könnte, erahnte Yves Corboz, Musiklehrer am Kollegium St. Michael wohl nicht. 32 Jahre nach der ersten Ausgabe ist das Konzept «Musik zur Karwoche» immer noch gleich. Dem Thema treu bleiben und immer wieder Neues suchen, ist eine zeitintensive Arbeit. Mit dem «Stabat Mater» von Giacomo Sellitto und Tommaso Traetta ist Corboz auf zwei Vertreter der Neapolitanischen Schule aus dem 18. Jahrhundert gestossen. Zwei Komponisten, die im Schatten des Zeitgenossen Pergolesi stehen. Das «Stabat Mater» ist ursprünglich ein mittelalterliches Gedicht, das die Mutter Jesu in ihrem Schmerz um den gekreuzigten Sohn besingt. Die anrührende Szene hat viele Komponisten zur Vertonung inspiriert. Heraus sticht vorab Pergolesis Version. Der Komponist wurde nur gerade 26 Jahre alt. Aber mit seinem «Stabat Mater» hat er sich unsterblich gemacht. Trotzdem, wenn auch die Vertonungen von Sellitto und Traetta nicht gerade Meisterwerke sind, eine Aufführung wert sind sie allemal. Ist doch schon allein die Tatsache, dass Corboz immer wieder Neues bietet und damit auch in Kauf nimmt, dass solch Werke nicht à tout prix Begeisterungsstürme auslösen, lobenswert. Sellitos Vertonung ist in dem Sinn nicht überwältigend, als dass keine Melodien hängen bleiben und Arien und Duette gleichmässig dahinfliessen. Dichter und variantenreicher war indessen das «Stabat Mater» von Traetta. Die Vokalsolisten und das Instrumentalensemble haben am Donnerstagabend grossartig interpretiert.

Seit Jahren arbeitet Corboz mit Professionellen zusammen. Zum Stamm gehören etwa Clémence Boullu und Vera Kalberguenova mit ihren überaus klaren Sopranstimmen. Ein weiteres Mal mit von der Partie war auch die Altistin Valerie Bonnard, die mit einer warmen Färbung und vollem Klang hervorstach. Als Altist aufgefallen ist aber Alberto Miguélez Rouco, Kontratenor, Pianist, Organist und Klarinettist aus Spanien, der an der Schola Cantorum Basilienis studierte. Für Ergriffenheit sorgten ausserdem die schlanken Bassstimmen von Csongor Szanto und Valerio Zanolli. Ausdrucksvoll und dynamisch zeigten sich aber die Tenore Akinobu Ono und der Freiburger Michel Mülhauser. Wohl nur mit professionellen Ensembles, die Corboz mit sicherem Gespür für geschmeidige Tempi, für einen sanften Klang und theatralischer Wirkung leitete, gelingt eine solch präzise Artikulation und dynamisch differenzierte Gestaltung. Erst recht, wenn noch ein engagiertes und qualitativ hochstehendes Instrumentalensemble wie die «Capella concertata» mitwirkt. «Musik, Kunst und Stille sind die neuen Einfallstore des Glaubens», sagte kürzlich Christoph Sigrist, Pfarrer des Grossmünsters Zürich. Die rund 600 Personen, die Jahr für Jahr die Karwochenkonzerte besuchen, zeigen, dass dem so ist.