Freiburg 14.07.2017

Verlorene Koffer und das ewige Drehen am Rad des Lebens

Beschreibt in seinen Büchern auch, wie Menschen den Mauern des Alltags entfliehen: der Freiburger Autor Thomas Kadelbach.
Ob man am Flughafen den richtigen Koffer erwischt, ist reine Glückssache. Welchen Lebensentwurf man wählt, ebenfalls: Davon handelt «Tombola», der neue Roman des Freiburger Autors Thomas Kadelbach.

Flughafen. Die Haare sind zerzaust nach der langen Reise, der Nacken schmerzt ein bisschen. Nun folgt der Gang zur Gepäckausgabe. So schnell wie möglich raus hier, ins Gewimmel, an den Strand, je nachdem, wo man sich gerade befindet. Doch das Gepäck kommt einfach nicht. Mindestens einmal im Leben passiert das wohl jedem Reisenden. Genau dieses Szenario nimmt der Freiburger Autor Thomas Kadelbach als Ausgangspunkt für seinen neuen Roman «Tombola». Seine vier Protagonisten haben Koffer, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Und was passieren muss, passiert auch – alle nehmen einen falschen Koffer mit. «Die Hauptpersonen sind eine Botschafterin, die pensioniert ist und ihre ehemalige Kollegin wieder trifft, ein Immobilienverkäufer, eine Sprachlehrerin, die auch als Journalistin arbeitet, und ein Wissenschaftler, der an einen Kongress geht», erzählt Kadelbach. Nicht nur der Inhalt ihrer Koffer sei heterogen, sondern auch ihr Charakter, ihre Wünsche, Ziele und Lebensgeschichten. «Zuerst herrscht ein grosses Chaos, doch dann übernehmen die Protagonisten nicht nur die Inhalte der anderen Koffer, sondern auch Rollen, die sie sich nie hätten vorstellen können.»

Durch Freiburg gefördert

«Tombola» ist ein Buch über Identitäten und deren Austauschbarkeit. Kadelbach wirft Fragen auf wie: Wie ist man eigentlich zu dem geworden, was man ist? Warum hat man nicht etwas völlig anderes gemacht? «Es handelt sich dabei ja um nichts anderes als um eine Reihe von Zufällen.» Das erkläre auch den Titel «Tombola». Welchen Koffer man erwischt, ist ein Glücksspiel. Welches Leben man führt, ein Roulette.

Für «Tombola» hat Kadelbach den Literaturförderpreis des Kantons Freiburg erhalten: «Das hat mir extrem viel bedeutet», zeigt er sich dankbar.

Der Handlungsort von Kadelbachs Roman ist indes kein Zufall: Die Geschichte spielt im sommerheissen Belgrad. «Belgrad ist eine Stadt, die irgendwo in der Mitte zwischen Ost und West liegt und somit ebenfalls verschiedene Identitäten in sich trägt.»

Auch die Donau spielt eine zentrale Rolle: «Die Protagonisten treffen sich immer wieder auf einem Boot an der Donau. Mit der Zeit werden sie zu einer Art Aussteiger und entwickeln eine völlig andere Sicht auf die Realität», so Kadelbach. Die Idee dazu sei ihm gekommen, als er an einem Sommertag selber auf einem Schiff auf der Donau gewesen sei. Ausserdem kennt Kadelbach Belgrad ziemlich gut, er hat dort an zwei Kunstprojekten gearbeitet. Es ist eine von vielen Stationen im Leben des Autors: Aufgewachsen in Davos, hat er beschlossen, in Freiburg zu studieren – und ist dort auch geblieben. Französische Literatur hat er unter anderem studiert, seine Dissertation hat er in Zeitgeschichte geschrieben. Gleich danach hat er eine Teilzeitstelle gesucht, um seiner grössten Passion nachgehen zu können – dem Schreiben. Er hat sein Leben um seine Leidenschaft herum konstruiert. «Wenn ich eine Weile nicht geschrieben hatte, fühlte ich mich, als hätte ich meine Zeit mit etwas vergeudet, was mir nicht so wichtig ist.» Sein erster Erzählband erschien 2007, hiess «Das Meer im März»; 2014 veröffentliche er «Herr Trüb liebt das Fliegen», eine Geschichte über einen Strassenputzer, der mit einem Ballon davonfliegt. Eines der Leitmotive seiner Werke: die Flucht aus dem Alltag. «Die Menschen in meinen Büchern versuchen häufig, dem Alltag zu entfliehen», so Kadelbach. Eine Tendenz, die auch Autoren eigen sei; schliesslich würden sie ja auch neue Welten erfinden.

«Tombola», Thomas Kadelbach. Offizin Verlag, 27.90 Franken.

«Doch dann übernehmen die Protagonisten auch Rollen, die sie sich nie hätten vorstellen können.»

Thomas Kadelbach

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«Wenn ich nicht ­geschrieben hatte, fühlte ich mich, als würde ich ­meine Zeit vergeuden für etwas, was mir nicht wichtig ist.»

Thomas Kadelbach

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