übrigens 13.09.2017

Unverklärte Vergangenheit

Ich möchte ja nicht pauschalisieren, aber ich glaub schon, dass früher alles schlechter war, unter dem Strich. Einmal barfuss auf einen rostigen Nagel getreten – zack, Blutvergiftung und Exitus. Überhaupt brachte einen früher alles gleich ins Grab: Lungenentzündung, eine komplizierte Geburt, Kuchenteig aus der Schüssel naschen (oder war das Fake News meiner Eltern?). Man arbeitete 60 Stunden die Woche, fast die Hälfte des Einkommens ging fürs Essen drauf, und die meisten starben, bevor sie ins AHV-Alter kamen – und das war auch gut so, denn die AHV gab es früher noch gar nicht. Und die katholische Kirche konnte mit ihrer Barmherzigkeit ganz schön grausam sein.

Nein, früher war es nicht besser. Früher war alles schlechter.

Homosexuelle kamen in den Knast, Dienstverweigerer auch, Frauen durften nicht wählen und abstimmen, und wenn der eigene Ehemann sie vergewaltigte, dann war das nicht strafbar. Sondern etwas, das halt zu den Haushaltspflichten dazugehörte. Kinder wurden geschlagen oder verdingt oder verdingt und geschlagen. Und alle fanden das okay. «Tatzen» in der Schule und wollene Strümpfe waren allgegenwärtig. Und Sie hätten sich mit dieser Kolumne den Hintern abgewischt. Auf einem Plumpsklo ohne fliessend Wasser. Was ich sagen will: Ich hätte nicht früher leben wollen. Also, natürlich habe ich auch schon früher gelebt, und darum kann ich aus meiner eigenen beschränkten Anschauung sagen: Früher war alles schlechter.

Man musste zum Beispiel vom Sofa aufstehen, um den Fernsehsender zu wechseln, und davon gab es weniger, als man Finger hat. Und das Aufregendste am Programm war die Frage, welch schrillen Fummel Thomas Gottschalk diesmal trägt im «Wetten, dass ...?». Zum Wandern trug man im Hochsommer lange Jeans, füllte die Plastikfeldflasche mit Tiki-Brausepulver und strich Melkfett statt Sonnencreme ein, um ja schön braun zu werden. Denn braun war schick. Aber dunkelhäutige Menschen kannte man nur aus «Globi in Afrika» und aus «Wetten, dass ...?», wo Roberto Blanco auftrat. Und man fand es lustig, dass ausgerechnet ein Schwarzer Blanco heisst. So war das damals. Schlimm.

In den Büchsenravioli war Hirn drin, dafür in den Köpfen der Kalten Krieger keins. Und man hielt Mirácoli-­Spaghetti für italienisches Essen. Im Sommer klebte man an den Plastiksitzen der SBB – das schmatzende Geräusch, wenn man sich erhob, habe ich bis heute im Ohr –, und seine Notdurft verrichtete man direkt auf die Schienen, was angeblich dem Wein im Lavaux seine besondere Note gab.

Nur etwas war früher besser: die Zukunft.