Kritik 13.11.2017

Dieses Stück kann Ihre Beziehung gefährden

Die Deutschfreiburgische Theatergruppe überzeugt mit einem rasanten Stück und vier hervorragenden jungen Schauspielerinnen und Schauspielern. Am Freitag war im Kellerpoche in Freiburg Premiere von «Das Mass der Dinge».

«Wer kann von sich behaupten, dass er noch nie seinen Partner oder seinen Arbeitskollegen angeschaut hat und dachte, er ist wirklich perfekt, wäre da nicht diese eine Kleinigkeit?» Diese Gewissensfrage stellt die Kunststudentin Evelyn (gespielt von Nicole Guggisberg) im Stück «Das Mass der Dinge», mit dem die Deutschfreiburgische Theatergruppe (DFTG) am Freitag im Kellerpoche in Freiburg Premiere feierte. Evelyn jedenfalls stellt sich der Frage nicht nur, sondern zieht ihre radikalen Konsequenzen daraus: Sie macht ihren neuen Freund Adam (Schaukat Atia) zum persönlichen Projekt und fängt an, ihn systematisch zu verändern. Subtil manipuliert sie ihn, bringt ihn dazu, seinen Kleidungsstil und seine Frisur zu ändern, abzunehmen und Sport zu treiben, Kontaktlinsen zu tragen und und sich schliesslich gar einer Nasen-OP zu unterziehen. Aus dem schüchternen Einzelgänger wird Schritt für Schritt ein cooler, junger Mann, den auch seine besten (und einzigen) Freunde Philip (David Caduff) und Jenny (Diana Gaudart) kaum wiedererkennen.

Doch geht es hier wirklich nur um Äusserlichkeiten? Wie verändert die äussere Metamorphose Adams Wesen? Welchen Einfluss hat die Geschichte von Evelyn und Adam auf Jenny und Philip, die ebenfalls ein Paar sind und bald heiraten wollen? Wer manipuliert hier eigentlich wen, und was führt Evelyn wirklich im Schilde? Rund um diese Fragen entwickelt der amerikanische Autor Neil LaBute in dem 2001 uraufgeführten Stück ein Wechselbad der Gefühle, gespickt mit rasanten Dialogen und präzisen Beobachtungen zwischenmenschlicher Interaktionen, tragisch, dramatisch – und doch mit einer gehörigen Portion Ironie und Humor.

Die junge Truppe der DFTG – alle vier Darsteller sind zwischen 23 und 32 Jahre alt – bringt das Stück unter der Regie von Davina Siegenthaler Hugi souverän auf die Bühne. Die Rollen sind perfekt besetzt, die Schauspielerinnen und Schauspieler verkörpern ihre Figuren durchwegs glaubwürdig. Nicole Guggisberg mimt die selbstbewusste Draufgängerin Evelyn, die genau weiss, was sie will, und bereit ist, dafür alles zu tun. Schaukat Atia gibt den liebenswürdigen Nerd, der durch die Begegnung mit Evelyn eine Art Erweckung erlebt. Diana Gaudart ist die naive Tussi, die ihr Wissen über die Welt vor allem aus Frauenzeitschriften hat. Und David Caduff überzeugt als selbstverliebter Obermacker, der findet, dass er eigentlich viel zu jung zum Heiraten sei, aber dass er aus der Nummer jetzt wohl nicht mehr herauskomme.

Spielfreudig und textsicher halten die Darsteller die Spannung während der ganzen Dauer von zweieinhalb Stunden (mit Pause) aufrecht. Manche Szenen und Dialoge scheinen mitten aus dem Leben gegriffen. «Worum geht es hier eigentlich?» – «Sag du es mir!» – «Ich weiss es wirklich nicht.» – «Ich dachte, ich kann dir vertrauen!» – «Sag mir, was ich tun soll, und ich tue es!» Es könnten Momente einer x-beliebigen Paarbeziehung sein, die ihren Weg auf diese Bühne gefunden haben. Manch eine Zuschauerin, manch ein Zuschauer dürfte sich das eine oder andere Mal selber wiedererkennen. Wenn Kunststudentin Evelyn dann am Ende ihre Semesterarbeit, ihre «Grossinstallationsskulptur», präsentiert, fallen die Hüllen – und auch als Zuschauer fragt man sich unweigerlich, ob der eigene Partner wirklich der ist, für den man ihn hält.

Ein Besuch im Kellerpoche ist also absolut empfehlenswert – aber Ihren Partner lassen Sie vielleicht besser zu Hause.

Weitere Aufführungen im Kellerpoche in Freiburg: 17., 18., 19., 24., 25., 26. und 29. November; 1., 2. und 3. Dezember. Mi., Fr. und Sa. 20 Uhr, So. 17 Uhr. Platzreservationen bei Freiburg Tourismus: Telefon 026 350 11 00. Weitere Informationen: www.dftg.ch.