Freiburg 19.06.2017

«Die Hautfarbe fällt auf»

Nebst einem szenischen Spiel zogen am Flüchtlingstag auch akrobatische Aktionen die Besucherinnen und Besucher in ihren Bann.
Seit 1980 macht der nationale Flüchtlingstag die Öffentlichkeit auf die Bedürfnisse von Flüchtlingen aufmerksam. Erlebnisberichte von Betroffenen am Samstag in Freiburg zeigten, dass es die Sensibilisierung nach wie vor braucht.

«Wir wollten frei sein. Wir hatten keine andere Wahl, als unsere Heimat, die Tschechoslowakei, zu verlassen», sagt eine Frau auf dem Georges-Python-Platz in Freiburg. Es ist nicht ihre eigene Geschichte, die sie erzählt. Die Schauspielerin ist Teil einer Inszenierung, die am vergangenen Samstag anlässlich des nationalen Flüchtlingstags (siehe Kasten) in Freiburg aufgeführt wurde und die Geschichten von Migrantinnen und Migranten zugänglich machte. Doch auch wer mit Flüchtlingen selbst sprechen möchte, muss nicht weit suchen: Hinter all den Ständen von Vereinen und den Zelten mit kulinarischen Spezialitäten gibt es genügend Menschen, die eine eigene Geschichte zu erzählen haben.

So etwa Biserat Kesete, die soeben einem Gast einen Teller voll mit Köstlichkeiten aus ­Eritrea schöpft und ihn dabei mit ihren rot geschminkten Lippen so warmherzig anlächelt, dass er gar nicht anders kann als zurückzulächeln. Ihr Mann sei in Eritrea beim Militär gewesen, erzählt sie den FN. Dies habe er irgendwann nicht mehr ausgehalten und sei geflohen. Etwas später sei sie ihm mit den drei Kindern in die Schweiz gefolgt. «Es war am Anfang nicht leicht. Alles war neu hier: die Art zu leben, die Regeln, die Sprache.» Insbesondere Sprachkurse hätten ihr jedoch geholfen, sich zu integrieren. «Jetzt habe ich auch Freunde aus der Schweiz.» Einzig was die Arbeit betreffe, habe sie bisher kein Glück gehabt. «Ich bin noch immer auf der Suche.»

Keine Mahlzeiten, sondern vielmehr Informationen bietet Kodzo Sanvi an seinem Stand an. Er ist Präsident des Vereins Togoviwo, der die Integration und die berufliche Eingliederung von Togolesen und Afrikanern fördert, auf die dabei auftretenden Schwierigkeiten aufmerksam macht sowie Entwicklungsprojekte in Togo unterstützt. Dem Sozialarbeiter, der sich nach seiner Ankunft in der Schweiz mit verschiedenen Jobs ein Studium an der Hochschule für Soziale Arbeit in Givisiez finanziert hat, gefällt es sehr gut hier. Dies, obwohl es in der Schweiz schwieriger sei als in Togo, Kontakte zu knüpfen. «Man muss zuerst das Vertrauen des Gegenübers gewinnen.» Mittlerweile ist er sehr gut integriert, dennoch sieht er nach wie vor die Schwierigkeiten, denen Afrikaner bei der Integration begegnen. So sei bei ihnen die fremdländische Herkunft sichtbarer als bei anderen Flüchtlingen. «Die Hautfarbe fällt auf.»

Viele Vorurteile

Zudem hätten die Afrikaner eine lange Geschichte, die für viele Vorurteile sorge. «Die Sklaverei, der Kolonialismus, die Ausbeutung: In den Augen vieler sind wir die Unglücklichen, die Armen. Wir müssen zeigen, dass wir viel mehr sind als das.» Einfach sei dies aber nicht immer. Denn trotz der guten Integration sei auch er nicht vor Diskriminierung und Rassismus gefeit. So müsse er der Polizei oft seine Papiere zeigen, und als er beispielsweise einmal mit einer Schweizer Freundin essen gegangen sei, habe die Serviertochter ihn völlig ignoriert – obwohl er bezahlt habe. Seine Kollegin habe die Serviertochter dann darauf hingewiesen, und diese habe sich entschuldigt. «Oft ist es wohl nicht böse gemeint. Es braucht aber nach wie vor ein gutes Stück Sensibilisierungsarbeit.»

«Alles war neu hier: die Art zu leben, die Regeln, die Sprache.»

Biserat Kesete

Flüchtling aus Eritrea

Anlass

Sensibilisierung für Anliegen von Flüchtlingen

Im Jahr 1980 rief die Schweizerische Flüchtlingshilfe den nationalen Flüchtlingstag ins Leben. Dieser Aktionstag wird jeweils am dritten Juni-Wochenende begangen und soll die Öffentlichkeit für die Rechte und Anliegen von Flüchtlingen in der Schweiz sensibilisieren. In verschiedenen Städten in der Schweiz fanden am vergangenen Samstag Anlässe zum Thema Migration statt, so auch in Freiburg. Die kantonale Direktion für Gesundheit und Soziales, die Theatergruppe Production d’Avril sowie die Vereine La Barque und Frauenraum luden zu verschiedenen Aktivitäten auf dem Georges-Python-Platz ein. Unter anderem gab es dabei auch eine Inszenierung zu sehen, bei welcher die Zuschauerinnen und Zuschauer Geschichten von Migrantinnen und Migranten entdecken konnten.

rb