Freiburg 10.08.2017

Als das Knipsen der Kartonbillette noch ein halber Kraftakt war

Hans-Jürg Aeschbacher demonstriert eine alte Billettdruckmaschine.
Gestern eröffnete das Gutenberg-Museum seine neue Wechselausstellung «Billette bitte».

Bei diesem Anblick wird man fast ein wenig nos­talgisch: Kartonbillette in grün, die für die erste Klasse gebraucht wurden, Exemplare in braun für die zweite Klasse, blau für den Schiffsverkehr und gelb fürs Postauto. «Diese Billette sind Symbole des öffentlichen Verkehrs», sagt Stefan Lederberger, Direktor des Gutenberg-Museums. «In der heutigen Zeit, wo wir Billette direkt zu Hause am Computer ausdrucken können, ist es uns wichtig, dieses alte Druckverfahren zu zeigen, das viele gar nicht kennen». So widmet das Gutenberg-Museum den 1 Gramm schweren, 30,45 Millimeter breiten und 57 Millimeter langen Kartonbilletten während der nächsten zwei Monate eine Wechselausstellung.

Alte Druckmaschine

In der Ausstellung wird zum Beispiel die Produktion der Kartonbillette anschaulich gezeigt. Zu bestaunen ist ein altes Pult mit Setzkasten, verschiedensten Bleielementen, die für den Buchstabendruck gebraucht wurden, sowie eine voll funktionierende Billettdruckmaschine aus dem Jahr 1930. «Theoretisch könnte diese Maschine bis zu 2500 Billette pro Stunde produzieren», sagt Hans-Jürg Aeschbacher, Inhaber der Billettdruckerei Aeschbacher aus Worb, «doch wenn man die ganzen Arbeiten wie Stehsatz wechseln und Karton nachfüllen miteinbezieht, werden es deutlich weniger.» Bis heute produziert das Familienunternehmen in fünfter Generation noch Kartonbillette, jedoch vor allem für Nos­talgiebahnen.

Alltag eines Bahnangestellten

Neben der Produktion der Billette ist im Gutenberg-Museum auch ein authentischer Arbeitsplatz eines Bahnangestellten aus der damaligen Zeit nachgestellt. Dafür wurde ein alter Schalter aus dem Bahnhof Domdidier ins Museum transportiert. Ein kleiner Bahnhofsetzkasten mit verschiedenen verkaufsbereiten Kartonbilletten und eine Datumpresse zeugen vom damaligen Alltag der Bahnhofarbeiter. «Bei den vorgedruckten Kartonbilletten mussten wir immer noch das Datum ins Billett pressen», lacht Beat Winterberger, ehemaliger Bahnhofvorstand und begeisterter Sammler von Kartonbilletten. «Als wir den ersten Schalterbillettdrucker erhielten, hat das vieles erleichtert. Nun konnten wir selber drucken.»

Grosse Billettsammlung

Alle im Gutenberg-Museum ausgestellten Kartonbillette stammen aus der Sammlung von Beat Winterberger. «Ich finde es faszinierend, dass diese Kartonstücke weltweit gebraucht wurden», so Winterberger. Zudem sei eindrücklich, dass quasi eine ganze Reise von A bis Z auf so eine Karte passe. Winterberger sammelt die Kartonbillette bereits seit seiner Kindheit. «Früher erhielten die Kontrolleure noch zwei Rappen für jedes zurückgebrachte Kartonbillett», sagt der Billettliebhaber, «da war es gar nicht so einfach sie behalten zu dürfen.»

Mittlerweile besitzt der gebürtige Berner Tausende Kartonbillette, die er alle in Billettschränken oder Sammelordnern mit speziellen Klarsichtmappen bei sich zu Hause aufbewahrt. «Es fiel mir schwierig, für die Ausstellung eine Auswahl zu treffen», so Winterberger.

Museum Gutenberg, Liebfrauenplatz 16, Freiburg. Spezielle Vorführungen der Druckmaschinen am So., 13. Aug.; Mi., 30. Aug.; So., 10 Sept.; Mi., 27. Sept. Die Ausstellung dauert bis zum 1. Oktober 2017.

Geschichte der Fahrkarten

Vom A5-grossen Zettel zur digitalen Handyanzeige

Erste Versionen eines Fahrausweissystems findet man in Europa ab Beginn des 19. Jahrhunderts. Nachdem jahrelang mit A5-grossen handschriftlichen Papieren umhergereist worden war, erfand der Engländer Thomas Edmondson im Jahr 1838 ein neues Billettsystem. Dieses erlaubte eine bessere Kontrolle, Abrechnung und Prüfung der verkauften Billette und verbreitete sich rasch auf der ganzen Welt.

Die neuen Kartonbillette hielten bald bei Schweizer Privatbahnen Einzug. 1924 unternahm dann auch die Schweizerische Bundesbahn (SBB) erste Versuche mit den Schalterbillettdruckern. Das Transportunternehmen fand aber, dass die Billette den Bedürfnissen des Schweizer Billettwesens nicht gerecht wurden. Erst ab dem Jahr 1957 kamen die ersten Grossdrucker in Bahnhöfen zum Einsatz.

1986 beendet die reguläre Einführung von elektronischen Schaltergeräten die 150-jährige Ära der edmondsonschen Fahrausweise. Neu konnten die Kunden ihre Papierbillette auch am Automaten beziehen. Seit ein paar Jahren können Billette nun auch zu Hause bestellt und ausgedruckt oder einfach digital auf dem Smartphone angezeigt werden.

sl