Fussball 03.02.2018

Zwischen Euphorie, Hoffen und Zuversicht

Michel Aebischer will sich bei YB als Stammspieler etablieren.
Mit Michel Aebischer (YB), Christian Schneuwly (Luzern) und Marco Schneuwly (Sion) starten am Wochenende drei Deutschfreiburger in die Rückrunde der Super League. Während die Wünnewiler Brüder gegen den Abstieg kämpfen, hegt der Heitenrieder Titelträume.

Seit dieser Saison ist Michel Aebischer bei YB nicht mehr der Junge aus der U21-Mannschaft, der im Fanion­team ab und an aushelfen darf, sondern ein Profi – einer wie Guillaume Hoarau, Jean-Pierre Nsame oder Steve von Bergen. «Fussball ist nicht mehr mein Hobby, sondern mein Beruf», sagt der 21-Jährige freudig. Wird er in seiner neuen Rolle im Verein und im Team anders wahrgenommen als zuvor? «Ich darf mich jetzt in der Kabine der Grossen umziehen und muss nicht mehr in die U21-Garderobe», sagt Aebischer mit einem Lachen. «Ansonsten spüre ich keinen Unterschied.»

Vierkampf um zwei Plätze

Michel Aebischer steht bei den Young Boys am Anfang einer hoffnungsvollen Karriere. In der Vorrunde war er jedoch konfrontiert mit dem Auf und Ab vieler junger Fussballer. In den ersten beiden Spielen stand er in der Startformation, verlor danach aber seinen Platz in der Mannschaft. Fünf Mal in Folge blieb der Sensler ohne Einsatz. «Rückschläge gehören zur Entwicklung», blickt er zurück. «Aus ihnen kann ich viel lernen.»

Der Freiburger kämpfte sich zurück ins Team, begünstigt durch den verletzungsbedingten Ausfall von Leonardo Bertone, und brachte es auf insgesamt elf Einsätze in der Super League. Sechs Mal kam er in der Europa League und der Champions League-Qualifikation zum Zug. «Das war mehr, als ich erwarten durfte.»

Als Mittelfeldregisseur zeigte Aebischer eine für sein junges Alter beeindruckende Abgeklärtheit. Für schweizweite Aufmerksamkeit sorgte er Mitte Oktober mit seinem genialen Pass auf Miralem Sulejmani, der zum entscheidenden Treffer beim 1:0-Sieg gegen Luzern führte. «Ich bekam zahlreiche Reaktionen, wurde von vielen Fans angesprochen. Es war ein tolles Gefühl. Allerdings würde ich gern öfters solche Aktionen zeigen», sagt Aebischer.

Für die Rückrunde hat der Youngster klare Ziele. «Ich will meine Dynamik noch stärker einbringen und torgefährlicher werden. Und natürlich möchte ich so oft wie möglich spielen.» Aebischers Konkurrenz im Mittelfeld ist allerdings gross: Neben ihm kämpfen auch Sékou Sanogo, Djibril Sow und Bertone um die zwei Plätze im Zentrum.

Keine Angst vor dem Versagen

Trotz der vielen Jungen, die wie Michel Aebischer bei YB Verantwortung tragen, macht das Team von Adi Hütter einen gefestigten und dynamischen Eindruck. Die Berner steigen als Tabellenführer in die Rückrunde, der Meistertitel ist ihr erklärtes Ziel. Der Vorsprung von YB auf Verfolger Basel beträgt zwei Punkte, zwischenzeitlich lag er allerdings bei acht Zählern. Ob es dieses Jahr gelingt, den FCB vom Thron zu stossen und den seit 30 Jahren ersehnten Titel zu feiern? Michel Aebischer ist zuversichtlich. «Unsere spielerische Klasse ist gross. In der Defensive sind wir stabil, in der Offensive schnell und torgefährlich. Zudem haben wir einige Spieler, die eine Partie im Alleingang entscheiden können.»

Hat er keine Angst, dass die Titelträume der Young Boys (einmal mehr) platzen könnten? «Nein. Wir lassen uns nicht verrückt machen. Wir wissen, was wir können. Dieses Jahr sind wir reif für einen Titel.»

Vor zwei Wochen haben der Super-League-Verein FC Luzern und Christian Schneuwly bekannt gegeben, dass sie den zum Saisonende auslaufenden Vertrag vorzeitig bis Juni 2020 verlängert haben. Ein Grund zur Freude, wie beide Seiten betonten: Luzerns Sportkoordinator Remo Meyer lobte den 29-Jährigen «als Teamplayer mit grossen spielerischen Qualitäten, der mit seiner Erfahrung helfe, die jungen Spielern weiterzuentwickeln». Und Christian Schneuwly hob hervor, dass er mit der Vertragsverlängerung ein Zeichen an die Mannschaft habe aussenden wollen. «Ich will den eingeschlagenen Weg mit dem FCL weitergehen.»

Sparkurs beim FCL

Der Weg, den Luzern in dieser Saison bestreitet, ist ein steiniger. Aufgrund des vom Investor Bernhard Alp­stäg verordneten Sparkurses trennte man sich im Sommer von einigen Spielern. Aus der Not machte man in Luzern eine Tugend und setzt vermehrt auf die eigene Jugend. Der Umbruch ging nicht ohne Turbulenzen vonstatten: Zwischenzeitlich fand sich der FCL im Tabellenkeller wieder, als Vorletzter schwebt er aktuell in Abstiegsgefahr. «Die fehlende Erfahrung ist ein Manko», sagt Christian Schneuwly. «Oftmals haben wir gut gespielt, es aber verpasst, das Spiel zu ‹töten›».

Der Mittelfeldspieler nimmt sich selbst nicht aus der Kritik heraus. «Auch ich trage eine Teilschuld, dass wir da sind, wo wir uns befinden.» Einen Treffer und sechs Assists hat der Wünnewiler in siebzehn Vorrundenspielen verbucht. «Ein paar Matches waren sehr gut, bei anderen hätte ich mehr herausholen sollen. In der Rückrunde dürfen ruhig ein paar Skorerpunkte mehr hinzukommen.»

Aufschwung mit neuem Trainer

Trotz der verhaltenen Vorrunde und der ungemütlichen Tabellensituation – Christian Schneuwly ist überzeugt, dass sein Team in der zweiten Saisonhälfte eine Reaktion zeigen kann. Sein Erfolgsrezept: «Wir müssen zusammenstehen und uns gemeinsam aus der schwierigen Lage befreien. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, da liegt es an den älteren Spielern wie mir, Verantwortung zu übernehmen.»

Zum Aufschwung verhelfen soll dem FCL der neue Trainer Gerardo Seoane. Nachdem Markus Babbel Anfang Januar angekündigte hatte, seinen im Sommer auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen, trennte sich Luzern vorzeitig vom Deutschen und beförderte seinen U21-Trainer ins Fanion­team. «Ein Trainerwechsel ist nie schön», sagt Schneuwly. «Mit Seoane ist ein neuer Drive ins Team gekommen, eine andere Spielphilosophie, andere taktische Vorgaben.» In den letzten drei Wochen habe man unter dem neuen Trainer sehr gut gearbeitet. «In den Testspielen hat es schon sehr gut funktioniert, es waren klare Fortschritte erkennbar.»

Unter Markus Babbel war Schneuwly im (defensiven) Mittelfeld gesetzt, beim neuen Coach Seoane werden die Karten neu gemischt. «Jeder muss sich neu beweisen, auch ich.» Mit 29 Spielern ist das Luzerner Kader gross, Christian Schneuwlys interne Konkurrenz dementsprechend auch. Mit dem georgischen Nationalspieler Waleriane Gwilja (BATE Borissow) hat der Freiburger einen weiteren Konkurrenten im Mittelfeld erhalten.

Der letzte Tabellenplatz in der Super League, das Ausscheiden in der Europa-League-Qualifikation, eine Trainerentlassung, die Ohrfeigen-Affäre von Präsident Christian Constantin und ein Militärcamp als Motivationstraining – der FC Sion hat in der bisherigen Saison für zahlreiche (negative) Schlagzeilen auf und neben dem Platz gesorgt. «Natürlich haben wir uns etwas anders vorgestellt, besonders resultatmässig», blickt Stürmer Marco Schneuwly zurück. «Ich habe aber in keinem einzigen Moment bereut, im Sommer ins Wallis gewechselt zu haben.»

Abstiegsangst

Gründe, warum es dem FC Sion bisher nicht wunschgemäss lief, gibt es einige. «Wir hatten viele Wechsel, die letzten Spieler stiessen erst zum Team, als die Meisterschaft schon begonnen hatte. Die Automatismen haben deshalb lange nicht richtig funktioniert», sagt Schneuwly. Zudem habe man sich viele individuelle Fehler geleistet, die zu Gegentoren geführt hätten. «Und im Angriff haben wir zu oft Chancen ausgelassen und es so verpasst, das Spiel zu unseren Gunsten zu drehen.» Sich selbst nimmt Marco Schneuwly – der als Stürmer für Sion in erster Linie Tore schiessen soll – nicht aus der Kritik. «Fünf Mal habe ich in der Vorrunde getroffen, das liegt ungefähr im Bereich der letzten Saisons und ist ok. Allerdings hätte ich durchaus zwei, drei Tore mehr erzielen können.» Aktuell ist der Freiburger achtbester Schweizer Skorer der Super League.

Nach der schlechtesten Vorrunde seit dem Aufstieg 2006 geht Sion als Schlusslicht und mit drei Punkten Rückstand auf den Strich in die zweite Saisonhälfte. Die Abstiegsangst ist gross im Wallis. So gross, dass Präsident Constantin seine Mannschaft als Vorbereitung auf die Rückrunde in ein viertägiges Militärcamp nach Montpellier geschickt hat. «In meinem Team habe ich nur nette Schwiegersöhne, jetzt mache ich Krieger aus ihnen», erklärte Constantin seine ungewöhnliche Massnahme.

Extrem-Teambuilding

Ehemalige französische Elite-Soldaten hatten die Aufgabe, die Spieler auf ihre körperlichen und mentalen Aufgaben im Abstiegskampf vorzubereiten. Teambuilding für einmal auf die harte Tour: Geiselbefreiung anstatt Gokart-Rennen, Hindernisparcours anstatt Bowling, Schiessübungen statt Fondue-Plausch. «Ich habe schon manche Vorbereitung mitgemacht, eine so ausgefallene aber noch nie», sagt der 32-jährige Schneuwly. Es sei eine interessante und lehrreiche Erfahrung gewesen. «Als Team hat uns das Camp zusammengeschweisst. Es ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass sich unsere Zukunft auf dem Platz entscheidet. Da müssen wir Gas geben.»

Noch ist Sion nicht abgestiegen. Die Mannschaft verfügt nicht zuletzt dank den Zuzügen von Anto Grgic und Alex Succar sowie der Rückkehr des verletzten Abwehrchefs Eray Cümart und des wieder erstarkten belgischen Stürmers Mboyo über genügend Sub­stanz, um sich aus dem Tabellenkeller zu hieven. «Angesichts der grossen Qualität im Team ist es unglaublich, dass wir da unten stehen», sagt Marco Schneuwly. «Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir da rauskommen.»

«Es liegt an den älteren Spielern wie mir, Verantwortung zu übernehmen.»

Christian Schneuwly

Mittelfeldspieler beim FC Luzern

«Angesichts der Qualität im Team ist es unglaublich, dass wir da unten stehen.»

Marco Schneuwly

Stürmer beim FC Sion

«Rückschläge gehören zur Entwicklung. Aus ihnen kann ich viel lernen.»

Michel Aebischer

Mittelfeldspieler bei YB