Fussball 07.07.2017

Freiburger Rückhalt im Nati-Tor

Gaëlle Thalmann: «Wir haben in dieser Saison oft genug gezeigt, was wir draufhaben.»
Am Sonntag in einer Woche beginnt in den Niederlanden die Frauenfussball-EM. Mit dabei ist auch eine Freiburgerin: Gaëlle Thalmann hütet das Tor der Schweiz, die sich erstmals überhaupt für eine EM qualifiziert hat.

Wenn das Schweizer Frauennationalteam am 18. Juli in Deventer gegen Österreich sein erstes EM-Spiel bestreitet, übernimmt eine Freiburgerin eine der Hauptrollen: Gaëlle Thalmann. Die Greyerzerin aus Bulle ist seit Jahren Stammtorhüterin in der Equipe von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg. Für Thalmann ist es nach der WM 2015 in Kanada das zweite grosse Turnier mit der A-Nationalmannschaft. «Es ist natürlich eine Ehre, bei dieser Premiere dabei zu sein», sagt die 31-Jährige im Gespräch mit den FN.

Schwierige Saison in Verona

Die EM-Teilnahme ist für die Torhüterin der versöhnliche Abschluss einer schwierigen Saison. «Im Club war es eine recht komplizierte Saison für mich.» Als Thalmann 2016 zu ASGM Verona wechselte, sprach man beim nordostitalienischen Club davon, um den Meistertitel zu spielen, redete vom Cupsieg und von einem Weiterkommen in der Champions League. «Erreicht haben wir letztlich keines dieser Ziele.» Verona hatte ein internationales Team mit vielen Ausländern zusammengestellt. Doch es gab schnell finanzielle Probleme, weil der Club das Geld schlecht verwaltete und in Liquiditätsengpässe geriet. Die Folge: Löhne wurden nicht bezahlt, Spielerinnen verliessen das Team. «Am Ende der Saison hatten wir nur noch ein Mini-Kader», sagt Thalmann, die immer noch auf einen Teil der Lohnzahlungen wartet. Unter den gegebenen Umständen sei der dritte Schlussrang, der am Ende in der italienischen Liga resultierte, zwar durchaus ein Erfolg. «Dennoch hatte ich persönlich mehr erwartet.» Für Thalmann ist deshalb klar: Sie wird nächste Saison nicht mehr im Tor von Verona stehen. «Es sind neben dem Feld gravierende Dinge passiert. Deshalb kehre ich definitiv nicht zurück.»

Eine Parade aus dem Lehrbuch von Gaëlle Thalmann.

Wo sie nächste Saison spielen wird, weiss die Freiburgerin noch nicht. Eine Rückkehr in die Schweiz sei keine Option. Nach ihrem wenig erfolgreichen Abenteuer 2015 beim FC Basel, das sie nach einem halben Jahr abbrach, will Thalmann noch nicht zurück in die heimische Liga.

Mindestziel Viertelfinal

Zunächst einmal steht ohnehin einzig die EM in den Niederlanden im Zentrum des Interesses der Freiburger Sportlerin des Jahres 2013. «Unser Ziel ist es, mindestens den Viertelfinal zu erreichen.» Dafür müssen die Schweizerinnen wenigstens den zweiten Gruppenrang belegen und wohl Österreich und Island hinter sich lassen, denn Frankreich dürfte der Gruppensieg nur schwierig zu nehmen sein. «Die Französinnen sind für mich der EM-Favorit. Sie haben Weltstars und zahlreiche Spielerinnen aus Topclubs in ihrem Team. Da werden einige Bälle auf mein Tor kommen», sagt Thalmann mit einem Schmunzeln.

«Wenn wir mutig sein wollen, dürfen wir sogar vom Halbfinal träumen.»

Gaëlle Thalmann

Schweizer Nationaltorhüterin

Startgegner Österreich hingegen ist wie die Schweiz zum ersten Mal bei einer EM dabei. In der Weltrangliste stehen die Österreicherinnen auf Rang 24 und damit genau wie der dritte Gruppengegner Island (19) hinter den auf Rang 17 klassierten Schweizerinnen. «Gegen beide Teams sind wir favorisiert. Aber es wird definitiv nicht einfach: Österreich hat spielerisch einiges zu bieten und die Isländerinnen sind sehr kampfstark.»

Dennoch wäre für Thalmann alles andere als eine Viertelfinal-Qualifikation eine grosse Enttäuschung. Nur zu gern würde die ambitionierte Torhüterin sogar für einen Coup sorgen. «Wenn wir mutig sein wollen, dürfen wir sogar vom Halbfinal träumen. Klar, in einem möglichen Viertelfinal würden wir wahrscheinlich auf England oder Spanien treffen. Gegen beide ist es sehr schwierig zu gewinnen. Aber wenn wir über uns hinauswachsen, ist alles möglich.»

Am Freitag gehts nach Holland

Thalmann ist weiterhin zuversichtlich, sie will sich nicht vom Dämpfer, der 0:4-Niederlage in der Hauptprobe vor knapp einem Monat gegen England, entmutigen lassen. «Wir haben in dieser Partie alle unter Niveau gespielt und waren alle enttäuscht. Doch wir haben es eher als Warnung aufgenommen, nicht als Stimmungskiller.» Viele Spielerinnen seien am Ende einer langen Saison müde, die Laufbereitschaft deshalb ungenügend gewesen. «Man darf aber jetzt nicht wegen eines Spiels alles schlechtreden. Wir haben in dieser Saison oft genug gezeigt, was wir draufhaben, sei es in der EM-Qualifikation oder im März beim Cyprus Cup in Larnaca, als wir gute Gegnerinnen besiegten.»

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An den im Spiel gegen England offenbarten physischen Defiziten hat das Team diese Woche im Trainingslager in Magglingen gearbeitet. Nun steht erst einmal ein freies Wochenende an, das Thalmann bei ihren Eltern in Bulle verbringen wird. Nächste Woche steht ein weiteres Vorbereitungscamp in Bad Zurzach an, bevor das Team am Freitag nach Arnheim fliegt und am darauffolgenden Dienstag in Deventer gegen Österreich sein erstes Gruppenspiel absolviert.