Eishockey 12.09.2017

Auf der Suche nach Verlässlichkeit

Yannick Rathgeb ist in der Offensive einer der besten Verteidiger der Liga. Defensiv ist der 21-Jährige allerdings höchst fehleranfällig, wie das Spiel am Samstag in Bern einmal mehr zeigte. Der ehrgeizige Berner gelobt Besserung.

Ein Jahr ist es her, da war die gesamte Liga hinter Yannick Rathgeb her. Der junge Berner ist zweifellos einer der talentiertesten und hoffnungsvollsten Schweizer Verteidiger. Sein Schuss hart und platziert, seine Checks krachend und technisch sauber, sein Auftritt furchtlos. Als Krieger, der vor nichts Angst habe, hatte ihn der ehemalige Gottéron-Trainer Gerd Zenhäusern einst betitelt.

Letzten Dezember entschied sich Rathgeb dafür, seinen auslaufenden Vertrag in Freiburg bis 2019 zu verlängern, unter anderem, um sich in einem Team, das voll auf ihn setzt, weiterzuentwickeln und so seinem Fernziel NHL Schritt für Schritt näherzukommen.

Pyeongchang 2018 als Ziel

Ein Schritt nach vorne ist bisher allerdings nicht erkennbar. Klar, mit zwölf Toren und 28 Assists gehörte er auch letzte Saison zu den produktivsten Verteidigern auf Schweizer Eis. In der Champions Hockey League kam er in zwölf Spielen auf zwölf Punkte und eine Plus-9-Bilanz, wurde von den europäischen Veranstaltern gar als einer von drei Spielern für den Titel als MVP nominiert. Das alles konnte seine defensiven Mängel in der heimischen Meisterschaft allerdings nicht kaschieren. Rathgebs Plus-Minus-Bilanz war mit Minus-21 die schlechteste der gesamten Liga. Mehr als einmal fiel er durch haarsträubende Fehler oder viel zu offensives Spiel auf.

Die jungen Wilden bei Gottéron - hier geht's zum Artikel.

Bei der Frage, woran er in dieser Saison am meisten arbeiten wolle, muss er deshalb nicht lange überlegen. «Logischerweise an der Defensivarbeit», sagt der 21-Jährige. «Das ist auch wichtig für den Sprung in die Nationalmannschaft. Mit den Olympischen Spielen und dem Spengler Cup ist die Nati dieses Jahr ein grosses Thema für mich. Dafür ist es allerdings wichtig, dass ich mich defensiv besser verhalte, dass ich verlässlich bin.» Das sei der nächste Schritt, sagt der gebürtige Langenthaler, dem es an Selbstvertrauen sicher nicht mangelt. «In der Offensive will ich zudem noch mehr Kontrolle über das Powerplay erlangen, damit wir mit Gottéron eines der besten Powerplays der Liga haben.»

«Ich will immer unbedingt gewinnen. Wenn wir 1:2 hinten liegen, würde ich am liebsten in den nächsten zehn Sekunden ein Tor schiessen.»

Yannick Rathgeb

Gottéron-Verteidiger

 
 

Rathgebs Saisonstart verlief jedoch erneut zwiespältig. Zwar erzielte er am Freitag gegen Genf ein Tor, am Samstag in Bern allerdings gingen zwei Gegentore auf seine Kappe. Nach zwei Spielen steht der Verteidiger bereits wieder bei einer Minus-4-Bilanz – zusammen mit vier anderen Spielern ist das erneut der schlechteste Wert der Liga.

Gespräch mit Mark French

Als Konsequenz seines missglückten Auftritts in Bern musste Rathgeb gestern vor dem Training zum Gespräch bei Trainer Mark French antraben. «Er hat mir gesagt, dass er nicht zufrieden gewesen sei. Ich habe sofort gesagt, dass ich mit meiner Leistung ebenfalls überhaupt nicht zufrieden gewesen sei.» Er finde es gut, dass French das Gespräch unter vier Augen gesucht habe. «Genau wie ich, will er ja nur das Beste für das Team. Natürlich weiss ich es selbst, wenn ich ein schlechtes Spiel gemacht habe, aber ein paar mahnende Worte sind manchmal trotzdem nicht schlecht.»

Thema Risikoabwägung

Mahnende Worte sind bei Rathgeb immer wieder einmal angebracht, weil er oft und gerne viel Risiko in Kauf nimmt. «Als Risikospieler würde ich mich nicht bezeichnen, aber natürlich bin ich ein Spieler, der gerne in die Offensive geht.» Es gelte nun, die richtige Balance zu finden. «Ich muss besser abwägen, ob es sich in einer bestimmten Situation lohnt, ein Risiko einzugehen. Ich muss mir immer die Frage stellen: Was sind mögliche positive Konsequenzen, was negative?» Als letzter Mann zu dribbeln etwa lohnt sich nach dieser Rechnung nie, da der mögliche Gewinn bloss darin besteht, einen einzigen Stürmer hinter sich zu lassen. Die mögliche negative Konsequenz jedoch ist, dass dieser Stürmer alleine auf das Freiburger Tor loszieht. «Diese Balance zwischen Risiko und Gewinn zu finden, ist eines meiner Ziele.»

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Dass er manchmal zu riskantem Spiel neigt, hat auch mit Rathgebs Ehrgeiz zu tun. «Ich will immer unbedingt gewinnen. Wenn wir 1:2 hinten liegen, würde ich am liebsten in den nächsten zehn Sekunden ein Tor schiessen. In solchen Situationen muss ich mich aber manchmal besser zurückhalten, mich besser an das System halten.» Wenn ein Spiel noch zehn Minuten dauere, müsse man das Tor ja nicht in den nächsten zehn Sekunden schiessen; zudem sei es eine ganze Mannschaft, die diesen Rückstand noch aufholen könne.

French hofft auf mehr Konstanz

Mark French ist kein Trainer, der gerne öffentlich über seine Spieler spricht, und erst recht nicht einer, der seine Spieler öffentlich kritisiert. Ja, er habe mit Rathgeb gesprochen, da er am Samstag sicher nicht seinen besten Abend eingezogen habe, aber er wolle ihm keineswegs den Schwarzen Peter zuspielen. «Wir gewinnen zusammen und verlieren zusammen.» Rathgeb sei ein talentierter Offensivverteidiger mit guten Skills, einer, der im Powerplay eine wichtige Rolle einnehme. Was er noch verbessern muss? «Er muss konstanter werden. Ich habe in meinem Leben schon mit vielen jungen Verteidigern zusammengearbeitet. Nicht wenige von ihnen spielen heute in der NHL. Bei allen war in jungen Jahren die Konstanz die Hauptsorge.» Auch Erik Karlsson, der heute als bester Verteidiger der Welt gilt und wie Rathgeb ein Spieler mit guten Skills sei, habe in jungen Jahren Probleme mit der Konstanz gehabt.

Rathgeb zeigt seinem Kollegen Flavio Schmutz den "Dab". 

Kein Boxplay mehr

French ist ein Freund klarer Rollenverteilung. Defensiv überträgt er Rathgeb nicht allzu viel Verantwortung. «Ich spiele wenig bis gar nicht mehr in Unterzahl. Dafür kann ich meine Kräfte für das Powerplay sparen. In Sachen Eiszeit wird es nicht sein wie letztes Jahr. Es wird Spiele geben, in denen ich nur zehn Minuten auf dem Eis stehe, andere, in denen es 25 Minuten sind, je nach Verlauf und Resultat.» Das kann eigentlich nicht im Interesse Rathgebs sein. Will er sich wirklich zu einem Topverteidiger entwickeln, muss er sich in allen Bereichen steigern. Dafür muss er aber auch in sämtlichen Situationen zum Einsatz gelangen. Es liegt nun am 21-Jährigen, seine Fehlerquote zu senken, seine Zuverlässigkeit zu steigern und sich so für French in sämtlichen Spielsituationen unverzichtbar zu machen.

Vorschau

Auch heute Abend in Biel ohne Roman Cervenka

Heute Abend (19.45 Uhr) trifft Gottéron auswärts auf Tabellenführer Biel. Die Freiburger müssen dabei weiter auf den an der Schulter verletzten Roman Cervenka verzichten. Der Tscheche trainierte gestern nicht; Mark French bezeichnete es danach als «sehr unwahrscheinlich», dass er heute in Biel auf dem Eis steht. Überhaupt sind bis auf einige Anpassungen im Powerplay im Vergleich zur 1:6-Schlappe am Samstag in Bern in Sachen Aufstellung keine Änderungen zu erwarten. Die zuletzt verletzten Caryl Neuenschwander und Nathan Marchon trainierten zwar gestern mit, dürften aber ebenfalls nicht zum Einsatz gelangen.

fm

 

Die heutigen Spiele

Biel - Gottéron 19.45 Bern - Ambri 19.45 Davos - Servette 19.45 Lugano - Kloten 19.45 ZSC Lions - Langnau 19.45 Zug - Lausanne 19.45

Der heutige Gegner

Fakten zum EHC Biel

• Der Ex-Freiburger Marc-Antoine Pouliot ist gut in die Saison gestartet. Nach dem Startwochenende steht er bereits bei zwei Toren, einem Assist und einer Plus-3-Bilanz.

• Topskorer ist allerdings überraschend Verteidigerrüpel Marco Maurer, der nach zwei Spielen bereits vier Assists auf dem Konto hat und mit Plus-5 die beste Plus-Minus-Bilanz der Liga aufweist.

• Letzte Saison gewann Biel die Heimspiele gegen Got­téron mit 4:2 respektive 5:2.