Eishockey 11.01.2017

60 Minuten Heavy Metal

Gottérons Goalie Benjamin Conz muss sich zum dritten Mal bezwingen lassen.
Gottéron hat gestern in Göteborg das Hinspiel des Champions-League-Halbfinals gegen ein starkes Frölunda 1:5 verloren. Die Freiburger konnten das horrende Tempo der schwedischen Maschinerie nur ein Drittel lang mitgehen.

So richtig enttäuscht wirkte Gottérons Trainer Larry Huras der klaren Niederlage in Göteborg nicht. Zu sehr war zu erwarten gewesen, dass der Letzte der Schweizer Meisterschaft gegen den Leader der schwedischen Liga einen schweren Stand haben würde. «Wir sind sehr gut gestartet. Das erste Drittel war unser bestes seit sehr langer Zeit. Auch der Rest war gar nicht so schlecht», sagte Huras nach dem Spiel. «Aber wir hatten vier bis fünf Blackouts, während Frölunda keinen einzigen grossen Fehler machte. Das ist der Unterschied zwischen einem Meisterteam und uns.»

Chancenplus im Startdrittel

Nach Morgentraining und Mittagessen stand bei Got­téron gestern Nachmittag ein Powernap auf dem Programm. Die Betten im Clarion Hotel Post – einem der hippsten Designhotels der Stadt mit beheiztem Rooftop-Pool – sind glücklicherweise zweifelsohne bequem. Denn die Freiburger mussten von Beginn weg hellwach sein. Von lautem schwedischem Heavy Metal begleitet sprinteten die Frölunda-Spieler vor der Partie auf das Eis – es war ein Vorgeschmack darauf, was folgen würde. «Wir werden sie jagen und stark unter Druck setzen; diesen Spielstil sind sie sich nicht gewohnt» – so hatte Göteborgs Assistenztrainer Pär Johansson im Vorfeld der Partie gegenüber schwedischen Medien erklärt, wie seine Mannschaft vorhat, mit Gottéron umzugehen. Und tatsächlich schlug das Heimteam von Beginn weg ein horrendes Tempo an.

Doch die Freiburger bewiesen zunächst, dass es ihnen grundsätzlich entgegenkommt, wenn sie auf spielstarke Mannschaften treffen, die konstruktives Eishockey produzieren. Gottéron ging das Tempo im Startdrittel mit, so dass sich ein attraktives und temporeiches Hin und Her entwickelte – sogar mit einem leichten Chancenplus für die Gäste. Auf Frölundas 1:0-Führungstreffer durch John Nyberg (13.) fand Freiburg nur gut eine Minute später eine Antwort, als ein schwedischer Verteidiger den Schuss von Caryl Neuenschwander – der im ­Liga-­Alltag immer noch auf sein erstes Saisontor wartet – unglücklich ins eigene Tor ­ablenkte.

Jede Nachlässigkeit bestraft

Das Problem: Die Maschinerie Frölundas gerät einfach nie ins Stocken. Die Schweden weigern sich, je einmal die Platte zu wechseln. Sie spielen 60 Minuten Heavy Metal. Alle vier Blöcke des blutjungen Teams können das Tempo hoch halten; Verschnaufpausen erhält der Gegner keine. Gottéron spielte kein schlechtes zweites Drittel. «Aggressives, schönes Eishockey» sah Huras. «Aber nach dem ersten Drittel leider ein bisschen zu langsam. Und gegen Frölunda muss alles einen Tick schneller gehen, wenn du mithalten willst.»

Jede Freiburger Nachlässigkeit, jeder Fehler wurde gestern bestraft. In der 27. Minute war Marc Abplanalp einen Tick zu langsam, so dass Mats Rosseli Olsen allein auf Benjamin Conz ziehen konnte und zum 2:1 traf. Keine drei Minuten später verlor Mattias Ritola an der gegnerischen blauen Linie den Puck – und gleich ging wieder die Post ab. Henrik Tömmernes gewann das Laufduell gegen Alexandre Picard und schob zum 3:1 ein. Conz, der eine durchschnittliche Partie zeigte, sah dabei ebenfalls nicht gut aus. Die Freiburger ihrerseits hatten vor den Augen von Präsident Michel Volet und Vorstandsmitglied Slawa Bykow nach dem Startdrittel kaum Torchanchen. 14 ihrer 22 Torschüsse gaben sie im ersten Abschnitt ab. Danach wurden ihnen deutlich die Limiten aufgezeigt.

Bitter für die Clubkasse

Nächster Fehler, nächstes Tor, hiess es zu Beginn des Schlussdrittels: Nach nur gerade 19 Sekunden nutzte Rosseli Olsen einen Lapsus im Freiburger Spielaufbau zu seinem zweiten Treffer des Abends. Nun hing Gottéron in den Seilen. Während der schwedische Meister und Champions-League-Titelverteidiger den Eindruck erweckte, als könnte er im Anschluss gleich noch eine zweite Partie spielen, ging den Gottéron-Spielern immer mehr die Puste aus. So gesehen war es aus Freiburger Sicht fast schon ein Glück, dass danach nur noch ein weiteres Tor fiel und Dennis Saikkonen, der in der 44. Minute für Conz eingewechselt wurde, kein Gegentor kassierte. Das Verdikt fiel mit 5:1 auch so deutlich genug aus.

Der einzige Sieg auf Freiburger Seite war gestern letztlich dem mitgereisten Maskottchen Augustin vorbehalten, das in der ersten Drittelspause in einem Battle gegen Frölundas Maskottchen sein Gegenüber mit gekonnten Tanzeinlagen in den Schatten stellte. Sportlich hingegen ist die Situation Gottérons vor dem Rückspiel am Dienstag im St. Leonhard aussichtslos. Das ist umso bitterer, als sich diese Tatsache negativ auf die Zuschauerzahl auswirken dürfte. Dabei könnte der Club ein gut besuchtes Heimspiel aus finanzieller Sicht bestens brauchen.

Telegramm

Frölunda Göteborg - Gottéron 5:1 (1:1, 2:0, 2:0)

Frölundaborgs Isstadion, Göteborg. – 4042 Zuschauer. Tore: 13. Nyberg (Donovan, Lundqvist) 1:0. 15. Neuenschwander (Stalder, Leeger) 1:1. 27. Rosseli-Olsen (Stalberg, Norstebo) 2:1. 30. Tömmernes 3:1. 41. (40:19) Rosseli-Olsen (Lasu, Stalberg) 4:1. 44. Larsson (Olsen, Stalberg) 5:1. Strafen: 1-mal 2 Minuten gegen Frölunda, 3-mal 2 Minuten gegen Gottéron.

Frölunda Göteborg: Gustafsson; Donovan, Nyberg; Westerlund, Tömmernes; Norstebo, Larsson; Johannesen; Grundström, Figren, Sundström; Hjalmarsson, Lundqvist, Wellman; Rosseli-Olsen, Lasu, Stalberg; Ehn, Olofsson, Fjellström; Bergenheim.

Freiburg-Gottéron: Conz (ab 44. Saikkonen); Picard, Rathgeb; Kienzle, Abplanalp; Stalder, Leeger; Chavaillaz; Sprunger, Cervenka, Birner; Mottet, Mauldin, Ritola; Steiner, Schmutz, Neukom; Fritsche, Rivera, Neuenschwander; Chiquet.

Bemerkungen: Gottéron ohne Bykow, Schilt, Maret und Loichat (alle verletzt). Gottéron von 19:57 bis 20:00 ohne Goalie.

Interview

«Wie eine Lawine, die über einen hinwegrollt»

Daniel Steiner hat in seiner Karriere schon viel erlebt. Ein Spiel in der Champions Hockey League fehlte dem 36-jährigen Gottéron-Stürmer bis gestern allerdings noch. Nach seiner Premiere stand er den FN in Göteborg Red und Antwort.

Daniel Steiner, Ihre Premiere in der Champions League haben Sie sich bestimmt anders vorgestellt.

Ja, ich bin enttäuscht. Vor allem, weil wir im ersten Drittel alles im Griff hatten und den Gegner fast schon an die Wand spielten. Hätten wir so weitergemacht, hätten wir gewonnen. Aber danach hat sich eben gezeigt, wie unterschiedlich ein Team auftritt, das auf Rang eins steht, und eines, das um die Playoffplätze kämpft. Es war krass, wie diszipliniert Frölunda sein Spiel durchgezogen hat. Nie hat ein Spieler in entscheidenden Momenten den Puck verloren. Dennoch ist es für mich im Moment gerade schwierig zu akzeptieren, dass Frölunda unter dem Strich mit relativ wenig Aufwand so klar gegen uns gewonnen hat.

Wie beeindruckt waren Sie vom Tempo Frölundas?

Das Beeindruckende ist nicht einmal das Tempo, sondern die Schnelligkeit in den Köpfen der Spieler. Jedes Mal, wenn wir den Puck verloren, waren sie mit ein, zwei Pässen vor dem Tor. Fast ein wenig wie eine Lawine, die über einen hinwegrollt.

Frölunda führt die schwedische Meisterschaft mit zwölf Punkten Vorsprung an. Glauben Sie, Göteborg würde auch die Schweizer Liga so dominieren?

Das ist schwierig zu sagen, weil das Eishockey doch ein wenig ein anderes ist. Aber Frölunda hat schon einen äusserst intensiven Spielstil, und ich muss zugeben, dass sie im zweiten und dritten Drittel den Puck sehr gut in ihren Reihen hielten und kontrollierten. Gegen sie zu spielen erinnerte mich tatsächlich ein bisschen an meine Einsätze mit der Nationalmannschaft. Es fühlte sich an wie ein Länderspiel, weil alles etwas schneller ging. Dafür sind die Schweden ja bekannt.

Können Sie auch etwas Positives aus diesem Spiel mitnehmen?

Es war eine gute Lehrstunde. Wir haben gesehen, wie wir eigentlich spielen sollten. Ausserdem machen Spiele gegen solche Topteams immer auch Spass, weil die Beine bei dir dann automatisch ebenfalls ein bisschen schneller werden und du einfacher und schneller spielen musst. Daraus können wir sicher alle lernen.

Wie war es, nach einer klaren Niederlage im fernen Göteborg dennoch von gut 50 mitgereisten Fans gefeiert zu werden?

Das war eindrücklich. Sie haben sich ja bereits während dem Spiel lautstark bemerkbar gemacht. Support ist immer schön, und wenn man selbst im hohen Norden so viel Support erhält, ist das toll.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie in Richtung des Rückspiels vom Dienstag in Freiburg?

Das ist erst nächste Woche. Zunächst einmal stehen nun zwei wichtige Meisterschaftsspiele an. Aber klar, wir werden im Rückspiel nicht mit gesenktem Kopf auf das Eis gehen. Es ist Eishockey. Plötzlich schiesst du ein Tor und gleich noch ein zweites – und dann geht auf einmal alles ganz schnell.

fm