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So will ich sein, wenn ich mal alt bin

Von Michal Lisa Steinemann.

Morgens, wenn ich die Augen aufschlage, ist es stets sechs Uhr. Ich erwache dann ganz ohne Wecker. So geregelt wie ein Räderwerk. (Das eben stehen blieb.)

 

Dann muss ich nicht aufstehen. Dann muss ich nicht einmal stehen. Ich darf bleiben. Ich darf liegen bleiben.

 

Die Welt schafft sich von alleine in mein Bett. Via Smartphone, Laptop oder Tablet.

 

Ich teile es gerne am Morgen. Auf leeren Magen vertrage ich die Nachrichten nämlich am besten.

Zu Schlafzeiten, da schalte ich aus Prinzip per Knopfdruck die Welt aus, denn mein Bett möchte ich nun wirklich nicht mit aller Welt teilen!

 

Ich tue also morgens keinen Schritt mehr, um mit der Welt Höhe zu halten. Dies nenne man Fortschritt.

Ja, ja, ja! So schnell! Die Nachrichten sind inzwischen schneller als mein schnellstes Blinzeln!

Und ich verspreche Ihnen, das konnte ich schon als die Digitalität noch Windeln trug!

Blinzeln, ja das tat ich schon so oft. Und verpasste deswegen schon so viel. Papperlapapp.

Alles wird vielleicht schneller, bequemer, schöner. Aber nichts wird gerechter, klüger, friedlicher.

 

Und das, das können Sie in jeder Zeitung lesen, (wenn Sie doch bloss Zeitung lesen würden!).

 

Es ist, als hätte sich zwischen der Jugend damals und Heute nichts geändert!

 

Von wegen Fortschritt und so. Ja, der Fortschritt, der schreitet eben fort und immer ferner von uns weg.

 

Der Zeiger, der verharrt aber doch noch immer auf der Ziffer sechs. Ich blinzle. Das hilft. Das hat schon viel geholfen.

 

Er bleibt stur. Ich gebe nach. Denn ich bin kein Esel der Geschichte.

Ich verrate Ihnen ein Geheimnis.

Das Uhrwerk besitzt keine Batterie. ich habe die Zeit flachgelegt. Und machte sie zum Kunstwerk. Dafür verpasste ich ihr einen Denkzettel mit der Aufschrift „Die zeitlose Zeit“. Mein Enkel hält mich für melancholisch. Ich würde der Vergangenheit nachtrauern.

 

Von wegen, der kleine Bengel!

 

Ich bedaure ihn um seine Zukunft. Ich würde nun wirklich nicht in die Schrecken der Vergangenheit zurück wollen. Wer will das schon.

 

Sie sagen „Ja“ und lesen keine Zeitung mehr.

 

(Das dachte ich als ich noch jung war. Jünger als mein Nachbar.)

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