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Wie viele Dinge braucht ein Mensch?

…und soll man sich diese Frage überhaupt stellen, wenn man an einem Samstag - ausgeschlafen und nach einer Tasse Kaffee - gut gelaunt über einen Markt schlendert?

Als begeisterte Besucherin von Brocantes, „vide greniers“, Floh- und Koffermärkten freute ich mich auf den einmal monatlich von Mai bis September in Murten durchgeführten Antiquitäten- und Kunsthandwerk-Markt.

Unter den Lauben trank ich vorab zur Stärkung einen Cappuccino und der junge Mann, der mir schwungvoll die Tasse hinstellte erzählte, dass die Murtner einen sehr guten Draht zu Petrus hätten, denn an den Marktsamstagen würde es nie – wirklich nie! – regnen... oder wenn, dann höchstens ein paar Tropfen.

Auch an diesem Samstag im August schien dies zuzutreffen, am Freitag hatte es wie aus Kübeln gegossen, doch nun zeigte sich der Himmel von seiner freundlichen Seite, Wolken, Sonne, etwas Wind, nicht allzu heiss – perfektes Markt-Wetter!

An den Ständen wurde allerlei Kurioses, Nützliches, Überflüssiges feilgeboten. Silberbesteck, alte Bücher, Bilder, Schmuck, Kleider, Werkzeug, Geschirr und vieles mehr lud zum Stöbern ein. Ich entdeckte eine Spielküche, die mich an diejenige erinnerte, die ich als Sechs- oder Siebenjährige geschenkt bekommen hatte. Ihr war nur ein kurzes Leben beschieden; meine Grossmutter wollte eine Suppe kochen und hatte dabei die Küche aus unerklärlichen Gründen komplett abgefackelt. Vielleicht ist dies der Grund, dass ich noch heute ein etwas kompliziertes Verhältnis zum Kochen habe. Am nächsten Marktstand begeisterte mich eine Kristallbonboniere mit fein ziseliertem Silberdeckel; nebenan bot ein Händler eine kleine Schatulle an, eine wunderschöne Holzeinlegearbeit. Einen Tisch weiter fand ich ein schmales Büchergestell. Das Holz war stark gemasert, die Messingbeschläge glänzten, es hätte perfekt in meine alte Wohnung gepasst. Ich schlenderte von Tisch zu Tisch, befühlte die dunkelgrünen Handschuhe aus weichem Ziegenleder, setzte den roten Fascinator auf und begutachtete mich in einem halbblinden Spiegel, anschliessend betrachtete kurz das Treiben auf dem Markt durch die zerkratzten Gläser eines Lorgnons.

Ich widerstand allen Versuchungen, denn ich war mit der festen Absicht aus dem Haus gegangen, nichts zu kaufen. Bei meinem Umzug hatte ich festgestellt, dass ich von allem zu viel besass: Möbel, Geschirr, Kleider, Bücher, CD’s, Schuhe und so weiter, doch es hatte nichts gegeben, was ich hätte hergeben wollen – oder können.

Kürzlich habe ich gelesen, dass ein Europäer im Schnitt 10‘000 Dinge besitzt, von Legos über Rasierer, PC, Schuhputzzeug und Pfannen bis hin zu Badeanzug und Tagebuch. Natürlich ist es nicht so, dass ein Mensch diese Dinge alle wirklich braucht. Aber viele sind ihm halt ans Herz gewachsen und sind mit Erinnerungen verbunden, wie diese Erb- und Bastelstücke, von denen man sich kaum trennen kann - oder sich zu trennen getraut. Da gibt es beispielsweise der von der Nichte bemalte Keramikteller, die Fotoalben der Eltern oder der Louis XIV Sessel, den die Grossmutter einem vererbt hat. Als Gegenströmung zu diesem enormen Besitztum entwickelte sich in den letzten Jahren der Trend zum absoluten Minimalismus. Menschen versuchen, ihren Besitz auf 100 Gegenstände oder weniger zu reduzieren. Denkbar ist, dass in Zukunft Hip ist, wer möglichst wenig sein Eigen nennt. Zu dieser Spezies Mensch werde ich nie gehören, aber immerhin habe ich einen Kompromiss mit mir geschlossen. Wenn ich was Neues anschaffe, muss etwas Altes raus.

Sie stand – beinahe war ich am Ende des Marktes angelangt - da, als hätte sie auf mich gewartet. Schwarz, glänzend, klein, kompakt. Genau sie hatte ich seit langem gesucht und sie war in einem nahezu einwandfreien Zustand. Wie die Katze um den heissen Brei schlich ich um sie herum. Soll ich, soll ich nicht? „Permettez-vous?“, fragte ich die ältere, rauchende, Dame hinter dem Tisch. Sie nickte, machte eine einladende Handbewegung und Asche fiel von ihrer Zigarette auf den Kopf einer hässlichen Puppe. Vorsichtig schlug ich das A auf der aus den dreissiger Jahren stammenden Underwood Kofferschreibmaschine an. Die Taste schnellte hoch, schlug an den Wagen und fiel zurück an ihren Platz. Ich prüfte Tasten, Wagenschieber, Farbband, öffnete und schloss den Kofferdeckel.

Im Leben gilt es Entscheide zu fällen, da hört Frau aufs Herz. Ich wusste genau, wo sie ihren Platz haben würde und ich fühlte, dass sie auf mich gewartet hatte. Zudem war es mein erster Besuch am Kunsthandwerkmarkt Murten, ein Ereignis, das nach Nachhaltigkeit verlangte.

Auf dem Heimweg mahnte ich mich an mein Credo, dass eine Neuanschaffung mit der Trennung von etwas Altem verbunden sein muss. Ich entsorgte einen scheusslichen Bierhumpen, den ich wohl beim Umzug aus Bequemlichkeit mit eingepackt hatte und einen Porzellan-Engel, den ich nie gemocht, von dem ich mich - aus Pietät meiner verstorbenen Tante gegenüber – bis heute nicht getrennt hatte.

Ich stellte die Schreibmaschine an ihren Platz, spannte ein Blatt Papier ein und schrieb, indem ich fest und energisch auf die Tasten drückte: ‚Ich besitze exakt die richtige Anzahl von Dingen‘.

Wunschlos glücklich zog ich meine Turnschuhe an – vielleicht Besitz Nr. 9‘835 – und marschierte den verblühten Sonnenblumenfeldern entlang Richtung Bodemünzi, um dort zu geniessen, was sich nicht besitzen lässt: Sonnenschein, Wind, der Blick auf den See.

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