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Murten liest!

„Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese“ – Groucho Marx

Es war eine katalanische Tradition früherer Tage, am 23. April, Namenstag des Volksheiligen St. Georg, Rosen und Bücher zu verschenken. 1995 wurde dieser Tag von der UNESCO zum Welttag des Buchs und des Urheberrechts bestimmt, kurzum zum Feiertag des Lesens, der Bücher, der Kultur des geschriebenen Worts und der Rechte ihrer Autoren.

Gerade dieser Tage beschäftigten mich Bücher, Literatur, lesen und schreiben ausnehmend. Zum einen bereitete ich mich auf ein Schreibseminar vor, das ich demnächst auf der anderen Seite der Welt besuchen darf. Zudem stand eine Lesung in einem Murtner-Café bevor. Da galt es, eine gelungene Mischung von Geschichten zusammenzustellen. Die Zuhörer sollen Spass haben – Langweile geht gar nicht. Andererseits dürfen die Texte zum Nachdenken anregen und ich hoffe, dass sich der Zuhörer in meinen Geschichten wiederfindet und er den Abend als Bereicherung erlebt.

Während ich also an meinem Schreibtisch sass und mir die Arbeit langsam über den Kopf zu wachsen drohte, erhielt ich eine Mailnachricht der Murtner-Altstadt-Buchhandlung: Murten liest!

Jeweils im Herbst darf Mann, Frau und Kind sich in Murtens Buchhandlung in einen sehr bequemen Fauteuil ins Schaufenster setzen, eine halbe Stunde lesen und dann das Buch nach Hause tragen. Da kriegt man gleich zwei Geschenke: Ein Buch (bis Fr. 20.-) und Zeit. Wo kriegt man sonst Zeit geschenkt, dafür sollte sich die Buchhandlungs-crew bezahlen lassen! Eine halbe Stunde lang keine Störungen, dreissig Minuten, die dir allein gehören!

Natürlich nahm ich mir vor, dieses Angebot zu nutzen. Und erst in diesem Augenblick realisierte ich, dass ich die letzten dreissig Jahre (na ja, es waren noch ein paar mehr) an Orten gelebt hatte, an denen es keine Buchhandlung gab. Wie hatte mir, ausgerechnet mir, so etwas passieren können? Einmal mehr war ich glücklich, nun in Murten zu wohnen. Wobei ich nicht umhin kam mich zu fragen, was es über unsere Gesellschaft und unsere Kultur aussagt, dass es vielerorts keinen Bedarf mehr nach Buchhandlungen gibt (eine grosse Frage auf die ich vielleicht ein andermal zurückkomme).

Infolgedessen machte ich mich ein paar Tage später beschwingt auf den Weg zur Buchhandlung. Im Schaufenster bewunderte ich den einladend wirkenden, samtüberzogenen Fauteuil, stellte mir vor, wie es sich anfühlen musste, darin zu sitzen. Wahrscheinlich blieben Menschen draussen stehen, um den Lesenden zu beobachten. Sie könnten sich überlegen, ob es sich beim Leser lediglich um eine Schaufensterpuppe handelte, bis dieser den Zeigefinger anfeuchten und die Seite umblättern, oder kurz den Blick heben und den Beobachter anschauen würde, der erschreckt zurückwiche. Vorstellbar war auch, dass der Leser ob einer lustigen Passage laut auflachen, sich schnäuzen oder dem Beobachter freundlich zunicken würde.
Ich betrat die Buchhandlung, wählte ein Buch und nahm im Schaufenster Platz. Die Zeit verging viel zu schnell und ich reservierte einen weiteren Schaufenster-Termin für meinen Liebsten. Denn diesen Genuss konnte ich ihm unmöglich vorenthalten. Er freute sich riesig auf sein „rendez-vous-mit-Buch“ und gerne wäre er anschliessend noch länger sitzen geblieben. Doch zwei Mädchen warteten bereits, beide hatten ein Buch ausgewählt über Pferde; mein Liebster gab den Sessel erst frei, als ich ihn nachdrücklich darauf hinwies, dass er Kindern den Platz vorenthielt.

Die Buchhändlerin berichtet mir von einer Dame, die bereits ihren neunzigsten und einundneunzigsten Geburtstag mit einer Lesestunde – respektive Lese-halbe-Stunde – zelebriert und sich auch dieses Jahr wieder angemeldet habe. Eine andere Frau reise jedes Jahr extra aus Deutschland an und überhaupt werde das Angebot immer häufiger genutzt, gerne auch von Kindern und Jugendlichen.

Das Buch, das ich mir für diesen Anlass ausgesucht habe, wird einen besonderen Platz bekommen, sowohl in meiner Bibliothek als auch in meiner Erinnerung.

Als Schriftstellerin und begeisterte Leserin bin ich froh, wird dem Kulturgut Buch ein Feiertag eingeräumt und wird es auch anderweitig zelebriert. Das geschriebene Wort zwischen zwei Buchdeckeln hat es nicht einfach, sich in unserer schnelllebigen Zeit zu behaupten. Bisher hat es Kriege, Verbrennungsaktionen, schwarze Listen, Analphabetismus und Twitter erfolgreich überstanden und ich bin hoffnungsvoll, dass es uns noch lange erhalten bleibt.

Ich werde mich in einem Jahr mit Vergnügen wieder in den Lesesessel setzen und habe vorausschauenderweise in meiner Agenda 2018 die erste Oktoberhälfte bereits mit Leuchtstift markiert.

Kommentare zu diesem Artikel

Sandy

Ich war auch im Schaufenster lesen, eine tolle Idee und toll, schreiben Sie darüber!