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Hinschauen - Wegschauen

Vorweihnächtliche Werbung suggeriert uns reine Glückseligkeit. Wohin man blickt, sieht man leuchtende Kinderaugen, liebevolle Familien, Feststimmung am Familientisch und unter dem Weihnachtsbaum.

Heile Welt, Friede, Freude, Eierkuchen.
Ach, wenn dem nur so wäre!

Im Auto höre ich im Radio eine Sendung zu #MeToo. Diese Bewegung ist zurzeit in aller Munde, SchauspielerInnen, SängerInnen, Models, Regisseure, PolitikerInnen, SportlerInnen und Menschen wie du und ich tun ihren Missbrauch und ihre Verletzungen kund. Die Welle schwappte – wie so manche andere auch – von den USA nach Europa und hat auch die Schweiz erreicht. Frau und Mann outet sich, es ist wie die sprichwörtliche Büchse Pandoras: einmal geöffnet, lässt sie sich nicht mehr schliessen und es kommt mehr und mehr zum Vorschein – endlos wohl.

Im Einkaufszentrum nehme ich die Menschen bewusster wahr als sonst. Ein Vater mit seiner kleinen Tochter, beide lachen, er hält ihre Hand fest – sicher? – in der seinen. Ein Teenager steht vor einem Schaufenster, neben ihr ein älterer Mann, er hat den Arm um ihre Schulter gelegt, vielleicht ist es der Vater, ein Onkel oder ein guter Bekannter. Zwei junge Männer schauen einem hübschen Mädchen hinterher, mich dünkt, sie blicken ihm mit gar gierigen Augen nach. Ich komme nicht umhin, mir bei all den Paaren oder Gruppen – KindEr mit Erwachsenen, Teenagers, Mädchen und Junge, Frau und Mann, weiblich und männlich, jung und alt – zu überlegen, wie sie zusammengehören, wie ihre Beziehungen sind und ob ihnen etwas Verbotenes, Krankes oder Krankmachendes anhaftet.

Das Thema Missbrauch und sexueller Gewalt scheint allgegenwärtig zu sein. So startete vor einigen Tagen die internationale Aktion „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ und im Nationalrat wurde eben erst über einen besseren Schutz für Kinder und Jugendliche und eine erweiterte Meldepflicht diskutiert.

Ich habe gelesen, dass jedes vierte Mädchen und jeder achte Junge vor seinem achtzehnten Lebensjahr Opfer eines Missbrauchs wird. Übergriffe und Gewalt passieren überall, im Sportverein, Kirche, Schule, am Arbeitsplatz, Zuhause, in Dörfern und Dörfchen, in grossen und kleinen Städten, und daher wohl auch in Murten.

Allein die Vorstellung ist ungeheuerlich. Stellen Sie sich vor, sie schauen den Schlittschuhläufern auf der Eisbahn zu oder Sie stehen bei Schulschluss vor dem Schulhaus. Sie zählen die Kinder: ein, zwei, drei, Missbrauch, eins, zwei, drei, Gewalt, eins, zwei ...

Die Kinder haben Mützen auf und ihre Wangen sind von der Kälte gerötet, sie sind eingepackt in dicke Westen und warme Stiefel. Sie wirken sicher und wohlauf, doch was unter den äusseren Schichten verborgen ist, können wir nicht wissen.

Ich schaue die Frauen an, die vor, hinter und neben mir an der Kasse im Supermarkt stehen. Man kann weder an ihren Gesichtern noch ihrer Haltung erkennen, ob ihnen Gewalt angetan wird oder wurde. Sie lächeln, sie kaufen ein, arbeiten, gebären, putzen, pflegen, gehen aus, schminken sich – sie funktionieren. Die Misshandelten, Geschlagenen, Gedemütigten sind unter uns, überall und jederzeit.

Wo beginnt Missbrauch? Beginnt er, wenn mich jemand zu begehrlich anschaut, mir zu nahe tritt, er mich mit Worten belästigt oder bedrängt oder wenn er mich berührt?
Nach meinem Dafürhalten findet Missbrauch immer dann statt, wenn es im Gegenüber das Gefühl der Ohnmacht, der Erniedrigung, der Scham, der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins auslöst, wenn er sich ausgenutzt, manipuliert, verletzt fühlt.

Es ist ein brisantes und belastendes Thema, das uns alle angeht.
Sklaverei, Hexen- und Witwenverbrennung, Folter, Kinderarbeit, Zwangsheirat, Ausbeutung – Gewalt erzeugt Gewalt, eine unselige Spirale, die im Elend endet. Wann endlich entwickeln wir uns weiter und werden zu einer menschenwürdigen Gesellschaft?

Der einzelne kann weder die Welt noch jedes verletzte Wesen retten. Aber ich kann aufmerksamer und mutiger durchs Leben gehen, auf jemand zugehen, wenn ich den Eindruck habe, es gehe ihm nicht gut, er brauche Unterstützung.
In seiner kleinen Welt kann jeder dazu beitragen, dass Menschen mit Respekt behandelt werden und möglichst keine Übergriffe passieren und dann darf er darauf hoffen oder sogar vertrauen, dass an seinem Weihnachtstisch Kinderaugen wirklich leuchten.
 

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