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Eine Weihnachtsgeschichte - das rote Fahrrad

Heute, so kurz vor Weihnachten, schenke ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, eine Weihnachtsgeschichte. Sie erzählt von einem alten Mann mit vielen Erinnerungen. Von einem Mann, der in diesem Jahr ein ganz besonderes Geschenk erhält. Eines, das vielleicht sein Leben zu ändern vermag …

Ich hole Brot, hatte Lea gesagt und war nie zurückgekommen. Ein unbewachter Bahnübergang. Ein Unfall. Ganz zum Schweigen brachte ich die zweifelnde Stimme in mir nie. Was, wenn es kein Unfall gewesen war?

Nie habe ich einer Menschenseele erzählt, was am Abend vor dem Unglück passiert war. Endgültig hatte ich das Thema vom Tisch haben wollen. Ich wünschte mir kein Kind – und schon gar nicht ein adoptiertes. Sie hatte sich danach gesehnt, egal ob Mädchen oder Junge, egal woher. Aus Polen, Äthiopien, China, Indien, dem Tschad oder Kongo. Nein, hatte ich gesagt und auf den Tisch gehauen.

Heilig Abend. Wie ich diesen Tag seither hasse, über vierzig Jahre vermochten die Erinnerungen nicht auszulöschen.

Ich bin froh, über siebzig zu sein, kinderlos und das Ende absehbar.
Am Vormittag habe ich meine Einkäufe erledigt. Es war ein regnerischer, feuchtkalter Tag, die Winter sind nicht mehr, was sie früher waren. Im Treppenhaus begegnete ich den Kindern aus der Wohnung unter mir. Ausländerpack. Überall, immer zahlreicher und mittlerweile selbst hier, in meiner Strasse, meinem Haus, anzutreffen. Das Mädchen hielt den kleinen Bruder an der Hand, er sah verheult aus. Vor gut einem Jahr waren sie eingezogen, Vater, Mutter, die beiden Kinder. Afrikaner mit krausem Haar und dunklen Augen. Seither zogen durch das Haus Essensdüfte, wie sie nicht hierher gehörten. Seit Monaten quietschte ihre Wohnungstür, ich hörte jedes verdammte Mal, wenn dort jemand ein- oder ausging. Den Vater hatte ich seit langem nicht mehr gesehen, hockte wahrscheinlich im Gefängnis, Diebstahl, Betrug, Drogenhandel. Was wusste ich, was dieses Gesindel trieb. Die Frau und die Kinder grüssten mich immer, wenn wir uns im Treppenhaus kreuzten, manchmal nickte ich ihnen zu.

Vor der Haustür bin ich beinahe über ein kleines Fahrrad gestolpert. Rot, die Reifen platt, die Kette hing schlapp aus dem Zahnradkasten. Pack, dachte ich, kann zu nichts Sorge tragen.

Ich marschierte Richtung Zentrum, blickte die Hauptstrasse hinauf zum Weihnachtsmarkt. Die pseudo-Waldhäuschen, der Geruch nach Maroni und Glühwein, die Weihnachtsmusik, all dies ging mir gehörig auf die Nerven.
Rasch erledigte ich meine Einkäufe und wartete an der Haltestelle auf den Bus. Jugendliche standen in Grüppchen herum, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, die Jeans um die mageren Hüften schlotternd. Ausländer, wohin ich blickte, Menschen aus aller Herren Länder.
Im Bus überliess mir niemand seinen Sitzplatz. Vor mir sassen zwei junge Frauen, sie kicherten, schwatzten in einer unverständlichen Sprache. Beim Aussteigen rempelte mich jemand an, ich stolperte und stürzte. Eine stämmige Frau half mir auf die Beine. Mein Arm schmerzte, über dem Auge musste eine klaffende Wunde sein, warm rann ein dünner Faden Blut über mein Gesicht. Ein Mann bot an, mich ins Spital zu fahren.

In der Notaufnahme wurde die Wunde versorgt, der Arm geröntgt. Während ich wartete, eilte eine Frau mit einem Putzwagen vorbei. Sie blieb stehen, kam auf mich zu. In ihrer Dienstkleidung erkannte ich meine Nachbarin nicht auf Anhieb und zum ersten Mal bemerkte ich die lange Narbe in ihrem Gesicht. Wulstig und blass reichte sie von der linken Schläfe bis zum Kiefer. Sie fragte, was mit mir passiert sei. Nichts, winkte ich ab und zögernd ging sie weiter.

Das Handgelenk war stark verstaucht, die Schulter geprellt. Eine Ärztin schiente den Arm und versorgte mich mit Schmerzmitteln.

Daheim kochte ich Tee, versuchte, eine Scheibe Brot zu schneiden. Die verletzte Hand war kaum zu gebrauchen, sie schmerzte.
Nutzloser Nachmittag, aus der Wohnung unter mir war Musik zu hören, später das Quietschen der Wohnungstür. Kann sie die verdammten Türangeln nicht ölen?

Ich hole noch Brot, hatte Lea gesagt. Was war damals geschehen an Heilig Abend? Ich schüttelte die Gedanken ab, morgen wird es mir besser gehen, es war dieser elende Tag, der mir alle Jahre wieder zusetzte.

Es klingelte an der Tür. Ich erwartete niemand. Nie. Ich schlurfte zur Tür. „Bonsoir. Vous êtes blessés, avez-vous mal? Mama schickt mich, ich soll fragen, ob Sie mit uns essen wollen. Avec votre main...“ Das dunkelhäutige Mädchen verstummte, blickte mich aus ernsten Augen an.
„Nein, mir geht es gut“, antwortete ich kurz angebunden und schlug die Tür zu.
Ich ging zurück zu meinem Sessel am Fenster, sah im Haus gegenüber hinter beleuchteten Fenstern vorbeihuschende Gestalten, erahnte einen Weihnachtsbaum mit brennenden Kerzen. Es klingelte erneut. Die Mutter des Mädchens stand mit einem Tablett vor der Tür. „Hier“, sagte sie. „Je ne crois pas, que vous pouvez cuisiner avec votre main. Et en plus, c’est une soirée particulière pour vous – Heilig Abend. Vous permettez?“, und sie schob sich an mir vorbei, stellte das Tablett auf die Kommode im Korridor und ging.

Ich merkte, dass ich hungrig war, holte einen Löffel und probierte den Reis, das Gemüse, das warme Brot. Es schmeckte gut.

Die Schmerzen hinderten mich lange am Einschlafen. Meine Gedanken kreisten um die Familie unter mir. Die Narbe. Die Kinder. Der abwesende Vater.

Am Weihnachtsmorgen weckte mich das Läuten der Kirchglocken.
Mühsam rappelte ich mich auf. Verflixter Arm, dachte ich, hörte das Quietschen der Wohnungstür unter mir, die Stimme des Buben und das Lachen des Mädchens.

Am Nachmittag ging ich nach unten. Die Frau trug ein kanariengelbes langes Gewand mit roten Streifen. Ich hielt ihr die Dose mit dem Schmieröl entgegen: „Grüss Gott. Die Tür muss geschmiert werden, lassen Sie mich sehen.“ Sie trat einen Schritt beiseite, ich ölte die Scharniere, bewegte die Tür hin und her, nickte zufrieden. „So“, sagte ich, „besser. Und sagen Sie Ihrem Jungen, dass ich mir sein Fahrrad anschauen werde, wenn mein Arm wieder in Ordnung ist.“

Kommentare zu diesem Artikel

Anne-Sophie

Sehr schöne Geschichte :) Frohe Weihnachten !