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Auf der Ringmauer ...

...liegen Gedanken an längst vergangene Epochen nahe und führen schnell zu der Überlegung, ob und wie sich der Mensch seither verändert hat.

Ein Spaziergang, entscheide ich, wird mir guttun, denn das Ausfüllen des Formulars hat mich erschöpft und entnervt.
Die unzähligen Fragen, die zu beantworten sind, um in dieses Land reisen zu dürfen, erwecken in mir nicht den Eindruck, ein willkommener Gast zu sein. Es stimmt mich auch nachdenklich und traurig, dass Fremden und Fremdem zunehmend - und nicht nur in jenem Land, das ich besuchen will - mit Argwohn begegnet wird.

Am Ende meines Streifzugs besteige ich, wie so oft, die Ringmauer. Die Aussicht ist wunderbar, ich liebe den Blick über die Dächer der Altstadt, über den See und landseitig zur Bodenmünzi hin.

Zum ersten Mal kletterte ich als Zweitklässlerin auf der Schulreise die Treppen zur Ringmauer hoch. Es wäre gelogen, behauptete ich, die Mauern hätten bereits damals einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Ich erinnere mich lediglich deshalb so gut an diese Schulreise, weil mich eine Biene in die Hand gestochen hatte. Danach war mir übel, die Hand pochte und schwoll an und ich wollte nichts anderes, als nach Hause gehen.

Jahrzehnte später ging ich zum zweiten Mal über das alte Gemäuer mit meinem Liebsten, der mir sein Murten zeigte und seither steige ich regelmässig hinauf. Manchmal stelle ich mir vor, wie es sich gelebt haben musste vor drei-, vier- oder fünfhundert Jahren. Es gab keine Autos, keinen Strom, keine Konserven, es gab keine sanitären Anlagen – zumindest nicht nach unserem Verständnis – und eine simple Verletzung oder die Geburt eines Kindes konnte einem das Leben kosten, ein kalter Winter oder ein nasses Jahr brachte Hunger, Krankheit und Tod. Das Leben war kurz und hart. Aber wie heute wurde auch damals sicherlich gelacht, geliebt, gehofft.

Unter königlicher Herrschaft wurde die Errichtung der Mauer gefordert. Es musste eine anstrengende – nach heutigem Massstab unmenschliche – Arbeit gewesen sein. Hie und da hieb die Axt eines Arbeiters ins Bein statt ins Holz, ein Felsbrocken zertrümmerte einen Fuss, ein Nagel stiess ins Fleisch und ein Arbeiter mochte kopfüber von der Mauer gestürzt sein und es gab weder Gewerkschaften noch Krankenversicherungen.

Die Angst vor dem Feind war in der Vergangenheit wohl nicht kleiner gewesen als heute und auch damals musste diese Furcht eine starke Antriebsfeder gewesen sein.

Auf meinem heutigen Rundgang begegne ich einem älteren Paar. Er fotografiert, die Sonne steht tief am Himmel, das Laub der Bäume ist rot, orange, golden. Sie schaut ihm zu, geduldig. Eine Familie mit zwei Buben kreuzt meinen Weg. Papa erzählt von Schlachten, Herzögen, Heldentaten, von Bogen- und Armbrustschützen. Die Jungs springen hin und her und spucken von oben in die Tiefe. Später gehe ich an einem jungen Paar vorbei. Sie halten sich im Arm und küssen sich und fiele die Mauer in diesem Moment in sich zusammen, so bemerkten sie es nicht.

Eine Mauer, sinniere ich, bedeutet Abgrenzung, vielleicht auch Schutz. Sie steht für die Distanz, die man zwischen sich und der Gefahr - der scheinbaren Bedrohung durch das Unbekannte – schaffen und bewahren will. Sie verspricht Sicherheit; ein Wall, hinter dem man sich verschanzen und verteidigen kann, den Feind von weitem nahen sieht. Eine Mauer wird erbaut, um Familie, Hab und Gut, seine Freiheit und vielleicht sein Leben vor Übergriffen zu schützen. Aber geschützt hinter der Mauer sind wir nicht unbedingt in der Lage zu erkennen, ob der Fremde wirklich Feind ist oder möglicherweise Freund.

Heute gehe ich über Murtens Mauer, die nur mehr eine Touristenattraktion ist, ein Relikt der Vergangenheit.
Aber der Wunsch nach Sicherheit und unsere Befangenheit dem Unbekannten gegenüber ist nicht kleiner geworden, nur reicht es längst nicht mehr aus, eine Schutzmauer zu errichten.

Ich wünschte mir, wir hätten in den letzten vier-, fünfhundert Jahren gelernt, mit dieser Furcht besser umzugehen, wir hätten ein paar Vorurteile überwinden können, so dass wir heute keine Mauern mehr bräuchten.

Ich gehe diesen korridorähnlichen Gang über Murtens Dächer gerne entlang, schaue auf den See und das sich rot färbende Reblaub am Mont Vully.

Als ich die Treppe hinuntersteige bemerke ich am Brunnen in der Hauptgasse zwei Frauen, die einen Reiseführer studieren. Ich gehe zu ihnen und lade sie – ganz im Sinne von Gastfreundschaft und Offenheit - zu einer Besichtigung der Ringmauer ein.
Zu dritt steigen wir die Treppen hoch, in den schmalen Gängen streift mal ein Arm eine Schulter; der aufkommende Joran lässt uns frösteln und den Schritt beschleunigen und ich bin mir ziemlich sicher, dass sich diese beiden Gäste in Murten willkommen fühlen.
 

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