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Tarantula

Es ist Altweibersommer. Und Zeit für eine kleine Zickenrunde. Im Bild: Frau Sie aus Schmitten Quelle: Hans-Uelis Weberknechts Pflegemutter

 

Eine langbeinige, schwarze Spinne wandelt flink von Stelle zu Stelle. Sie ist auf der Suche nach Futter, doch findet nichts. Geräuschlos bewegt sie sich im Dunkeln. Und ahnt nicht, dass sie bald sterben wird.

Spinnen. Diejenige die sie mögen, mögen spinnen. Das ist einst mein Credo gewesen: Solange ich lebe, werde ich sie nicht leiden können. Punkt.

Ich kenne Leute, die ich sehr schätze, und die Spinnen sehr mögen. Und ich habe Sie besucht. Die Frau Sie, und deren Halter. Sie ist ganz gross. Zu gross für meinen Geschmack. Und definitiv zu haarig. Für Menschen wie Du und Ich, die an Arachnophobie leiden, ist Sie die reinste Bedrohung. Ich sterbe. Bald.

Sie wandelt weiter. Und ahnt nicht, dass sie ungeschützten Raum betritt. Sie muss schnell was finden, sonst verendet sie.

Meine Spinnenfreunde sind ganz relaxed. «Guck, wie schön Sie ist.» Ich schlucke. «Sie mag es nicht besonders, wenn man sie stört. Doch man darf Sie anfassen. Siehst du? Möchtest du Sie auch mal auf die Hand nehmen?»

Dumpfe Schallwellen beben durch den feingliedrigen Körper. Die Beinchen zittern zart. Bumm. Bumm. Bumm. Die Spinne wittert Gefahr und erstarrt, augenblicklich.

Manchmal frage ich mich, woher diese Abneigung gegen Spinnen kommt. Diese Viecher können doch nichts dafür. Wieso schnellt mein Puls ab dem Anblick solch kleinen Tierchen in die Höhe? Nur weil sie in meinen Augen keine Ähnlichkeit mit niedlichen Kaninchen oder Eulen haben? Sie bedrohen mich ja nicht. Im Gegenteil.

Bumm. Bumm. Bumm. (--------------------------)

In einer Altweibernacht um drei Uhr morgens wandelt Frau L. in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Das macht sie blindlings, denn die Ecken und Kanten in der Wohnung sind ihr altbekannt. Sie tappt nichtsahnend in die Küche und spürt etwas Nasses, Kühles unter ihrem rechten Fuss. Für eine kurze Zeit steht ihr Herz still. Zögernd macht sie das Licht an, wohl wissend, was geschehen sein könnte. (.-.-.------------...-...-------------...-…-------------.-.-.-.-.)

Nie zuvor habe ich freiwillig barfüssig eine schwarze Kellerspinne getötet. Bin ja auch noch nie ohne Fallschirm aus einem Flugzeug gesprungen.

Normalerweise tue ich Spinnen mit Wasserglas und untergeschobenen Papier nach draussen befördern, aber wenn es gar nicht anders geht sauge ich sie mit meinem jägergrünen Staubsauger ein, stelle diesen dann die ganze Nacht vor die Haustüre, damit das Tierchen wieder durch das Rohr ins Freie gelangen kann. So stirbt die Population nicht aus. Ich schwindle. Die Dinger könnten den starken Sog und die unangenehme Rutschpartie durchs Rohr gar nicht überleben, wenn, dann würden sie spätestens im Staubsaugerbeutel kläglich ersticken.

Dramaqueen. Um nichts. Und gar nichts. Was zicke ich so gegen Spinnen? Jeder weiss, dass Spinnen wichtig sind, um das Ökosystem aufrechtzuerhalten. Fressen und gefressen werden. Ich sollte mein Credo neu überdenken. 

Wer nicht spinnt, spinnt. Ich fange an, die Spinnen zu personalisieren. Ihnen Namen geben, vielleicht hilft das. Die nächste Spinne, die ich erblicken werde, wird Hans-Ueli heissen. Im Prinzip sollte es dann nicht mehr problemlos sein - einfach so - einen Hans-Ueli einzusaugen. «Hoi Hans-Ueli. Willst du mit mir staubsaugen? Nein? Willst du Futter? Ja, gell, Hans-Ueli, ich suche dir was.»

Frau L. beäugt die klebrige-nasse, tote Masse unter ihrem rechten Fuss. Einen Meter weiter erspäht sie ein weiteres Exemplar und an der weiss getünchten Wand hinten klebt unübersehbar die dritte Spinne, zum Angriff bereit. Frau L. sieht das weit geöffnete Fenster, durch das kühle Herbstluft hineinströmt. Als erstes wischt sie sich angeekelt das tote Exemplar vom Fuss. Dann öffnet sie die Türe des Putzschranks und greift zur Waffe. 

 

Bildlegende:

Hans-Ueli Weberknecht, 1. Stock im Gang, Düdinger

Ekaterina S., R.I.P., noch im Parterre, Düdingerin

Klein-Ursli, Wohnzimmer, Düdinger

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