0

Schnaps zum Zmorge

Wenn anderes nicht hilft.

Ich will nicht. Aufstehen. Nicht heute, nicht jetzt. Es ist so angenehm wohlig warm hier drin. In meiner Höhle, meinem Bett. Ich verkrieche mich ein letztes Mal unter die schützende Bettdecke. Snooze zum ersten, zweiten und zum dritten Mal. Ich muss nun. Aufstehen.

Eben vorhin war ich noch in Träumen versunken und zwar im Meer. Habe mit einem Fisch geredet, er war ganz nett. Das war ganz in Ordnung so, bis ich realisiert habe, dass das so gar nicht möglich ist. Blubbernd bin ich aufgewacht. Und zugleich wusste ich, der Albtraum geht weiter. Und zwar bald. Ich muss heute vor 30 Leuten einen Vortrag halten. In superecht.

Das. Machen. Ganz easy und unverkrampft. Das geht bei mir nicht. Nö. Sagen Sie mir jetzt bitte nicht, für Sie sei das kein Problem. Sie würden sogar sehr gerne referieren. Und zwar wie Herr Leuenberger, Alt-Bundesrat, aus dem Stegreif heraus. Locker vom Hocker, unverkrampft, ganz easy Baby. In der Halbzeit schütteln Sie überdies eine passende Anekdote aus den Ärmeln. Alle lachen. Ausser ich. Jetzt.

Nun ja. Dafür gibt’s bei mir das volle Programm. Zitternde Hände, die Stimme dazu. Grosse Augen wie die von Frau Bundesrätin Leuthard, nur nicht so - überzeugend. Ja und dann ein Blackout. Vielleicht mehrere.

Um dem vorzubeugen war ich gestern kurz vor Ladenschluss beim Drogeristen. Ich sage ihm ich brauche was und komme mir vor wie ein Junkie. Er sagt mir das ist kein Problem ich habe da was für dich. Ich bekomme ein Fläschchen zugesteckt, soll mir jede Viertelstunde einen Sprühstoss direkt in den Mund geben. Ich zahle ihm dafür fast dreissig Stutz und denke dabei du Halsabschneider. Aber ein ganz netter. Merci.

Ich sitze im Zug. Frau Rollköfferli ist heute nicht da. Das Sprühzeugs schmeckt wie Rosmarinschnaps, doch es wirkt. Ich fühle es. Es macht mich seltsam ruhig. Ich denke sogar, du schaffst das, was machst du dir einen Kopf. Kurz vor Zürich bin ich schon wieder in der Hölle der Löwen. Und alle fressen mich auf. Was tust du dir an.

Eine Kollegin sagte mir einst: „Stell dir vor, deine Mitstudenten hätten anstatt Köpfe Blumenkohl-Köpfe. Du guckst beim Referat dann nur Gemüse an. Das ist ganz lustig. Du wirst sehen, es hilft.“ Ok.

In der Schule angekommen treffe ich Pesche von Bern, er ist ein guter Siech. Und Sara aus Luzern. Sie normalerweise auch. Ich erzähle ihr von meinem Vortrag. Sie sagt: „Im letzten Semester war eine Mitstudentin sehr nervös beim Referieren. So sehr, sie ist nach fünf Minuten über ein Kabel gestolpert und voll auf den Boden geklatscht. Das war sehr witzig.“ Ich schlucke.

Bald bin ich dran. Sitze auf diesem unmöglichen Stuhl. Ich will rennen, doch wohin? Also denke ich viel an Blumenkohl. An Wirz, Rotkohl, Spitzkohl, manchmal Chinakohl. Rosenkohl geht nicht. Diskret sprühe ich mir viel Schnaps in den Rachen. Und erinnere mich an Herrn Alt-Bundesrat Delamuraz. Charmeur. Kurz später noch an Bundesrat Johann Schneider-Amman. Geht schon.  

 

 

Kommentare zu diesem Artikel