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Heinz-Harald F. – das Interview

Er bewegte sich so langsam als wie ein Stunden-Zeiger unter einem Haufen von Sekunden-Zeigern. (Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), Sudelbücher)

 

Da ist er wieder. Der Heinz-Harald. Meine kleine, schnuckelige Schnecke, von der ich nicht wusste, ob sie den eisigen Temperaturen des Winters standhalten würde. Hier auf meinem Balkon, im 2. Stock. Kein Salat! Bis an die obere Kante eines leeren Blumentopfs hat ers geschafft. Heute besonders schnell unterwegs, Bremsspuren sind keine vorhanden. Er mag es nicht besonders, wenn man ihn stört, dennoch lenkt er kurz für ein Gespräch ein.

Heinz-Harald. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen...

...Ja und glauben Sie mir, ich habe Sie nicht vermisst. Gerne hätten Sie es gehabt, ich wär von hier weggezogen. Fort, adieu, tschüss merci. Oder noch schlimmer: Verfroren wie ein Elefant auf einer Eisscholle in der Antarktis. Doch so bin ich halt nicht. Bin hart im Nehmen. Mag aber dennoch nicht hier sein.

Sie mögen meinen Balkon nicht?

Nein. Aber was bleibt mir anders übrig? Wissen Sie, ich komme von einem wunderschönen Ort. Paradies, so haben wirs genannt. Dort gab es alles, was unser Herz begehrte: Zarte Kopfsalatsetzlinge, Weisskohl, Rotkohl, Blumenkohl. Kohl halt. Und Basilikum! Ah ich mag mich an den feinen Duft erinnern! Ich kann nur sagen: Himmel auf der Zunge. Davon kann ich im Moment nur träumen. Das Bambuszeugs dort drüben schmeckt mir gar nicht. Und Sie wissen genau, ganz unschuldig an unserer Misere sind Sie nicht.

Ich wusste ja nicht, dass...

Papperlapapp. Ich weiss schon, dass Sie die alleinige Schuld nicht trifft. Sie konnten ja nicht wissen, dass in dem Sack Erde, den Sie vor einem Jahr gekauft hatten, ganz viele von uns drin steckten. Wissen Sie, unter meiner harten Schale habe ich einen weichen Kern. Nur eines. Eines werde ich Ihnen nie verzeihen. Auch in 1000 Jahren nicht.

Meinen Sie...

Genau. Das mit dem Bier. Dank Ihnen sind mein Vetter Niki und Grossonkel Kimi nicht mehr unter uns. Ersoffen, einfach weg. Die beiden hatten schon immer eine Schwäche für Alkohol und das wussten Sie genau. Sehen Sie Sebastian dort, beim weissen Flieder? Der hingegen hats geschafft, ist seit zwei Jahren trocken. Bin froh und sehr stolz auf ihn. Ich kann nur sagen: Hut und Häuschen ab.

Das tut mir leid. Kann ich...

Ja Sie können. Und werden auch, um wenigstens etwas wieder gut zu machen. Zu Ehren von Kimi und Niki und Mika! Den hatte ich glatt vergessen... Einfach so, aus dem puren Nichts, hatten Sie ihn vom Balkon hinuntergeschossen. Ja Sie müssen regelrecht was Gutes tun. Als erstes entsorgen Sie dieses Bambus-Gfotz und dieses China-Dingsbums. Die Erdbeeren können Sie schön stehen lassen. Dann googeln Sie einfach, was wir Schnecken denn so mögen, das ist ganz einfach. Bitte Bioqualität kaufen, alles andere akzeptieren wir nicht. Und nur damit wir uns klar verstehen: Das gehört dann alles uns.

(...)

Und noch was: Viele von uns werden immer wieder mit dem Tode bedroht und leiden unter nicht artgerechter Tierhaltung. Könnten Sie in Bern eine Petition für uns einreichen? Subventionierte Schrebergärten für alle Schnecken! Für Igel absolutes Zutrittsverbot. Und ich verspreche Ihnen: Sie werden uns los. Und zwar für immer und ewig.

(...)

Da ist nur ein Haken: Die in Bundesbern sind noch viel langsamer als wir. Darauf würde ich glatt einen Schnägg verwetten.

Kommentare zu diesem Artikel

ezziebe11e

i like !!! :-))

Renate Stulz

Gefällt!!