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Feigenkaktus und Murtechabis

Für die Reihe „Mut zum eigenen Garten“ öffnete Anton Jungo in Schmitten die Gartentür, wenn auch nur metaphorisch, denn da gab es keine solche. Dafür aber einen Garten und zwar einer, der voller Überraschungen steckt.

Man parkt nicht vor Anton Jungos Haus, sondern vor dessen Vorgarten. Und wer – wie ich – sein Auto zum ersten Mal dort abstellt, kriegt den Mund schwerlich wieder zu. Es war mir, als wäre vor meiner Stossstange eine Wundertüte explodiert.[i] Da blühten roter, lila und rosa Schlafmohn, orange-gelbe Ringelblumen, leuchtend blauer Mehl- und tiefroter Feuersalbei, orange Löwenmäulchen, ein stattliches Exemplar von einem lila-weissen Akanthus, blauer Rittersporn, tiefrosa Fingerhut, hellgelbe Nachtkerzen und noch grüne Hortensienkugeln um die Wette, während sich andere mehr oder weniger dezent im Hintergrund zu verstecken suchten, sei es, dass sie schon verblüht waren oder erst später ihre Pracht entfalten würden.

 

Ich konnte den Blick nicht davon abwenden. Nicht nur, weil es mir einen Heidenspass bereitete, immer wieder neue Pflanzen in diesem lebensgrossen Wimmelbild auszumachen, sondern weil sich dieser Vorgarten durch etwas recht Ungewöhnliches auszeichnet: Er vereint zwei Gegensätze, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Hier chaotisch herumvagabundierende, sich selber versamende Anarchisten, die sich nach Herzenslust austoben dürfen: „Ich weiss“, so Jungo, der mit dem Kinn auf die Schlafmohnkolonie deutete, „von denen zum Beispiel hätte ich schon längst welche rausreissen müssen, aber ich fand’s halt schade, jetzt, wo sie so schön blühen.“

Dort geometrische Zucht und Ordnung. In Kugelform geschnittener Buchs, ein Spalier aus drei weissblühenden Bauernhortensien, an der Hauswand eine ebenso weissblühende, duftende Jasmin-Reihe und dicke Setzlinge T-förmig in Reih und Glied gepflanzt, die bald den Vorgarten dominieren werden, schon allein wegen ihrer schieren Grösse. Aus den einen werden Rizinus-Pflanzen, die je nachdem bis zu fünf Meter hoch werden können, aus den anderen eine ebenfalls imposante tropische Pflanze, nämlich Tabak, „und zwar Sensler Tabak, kennen Sie den? Man sagt ihm auch Murtechabis.“

Ich war, zugegeben, baff. Es genügt nicht, dass Chaos und Ordnung einträchtig nebeneinander sitzen und sich hervorragend ergänzen, da reichen sich auch noch Tradition und Exotik ganz zwanglos die Hand.

 

Nur mit Mühe konnte ich mich losreissen, doch da war noch der eigentliche Garten, auf den ich mich schon gefreut hatte, weil ich wusste, dass mich dort grosszügige Gemüsebeete erwarten würden. Um dahin zu gelangen, durchquert man das Wohnzimmer und kommt dann auf einen Balkon, von dem aus der ganze Garten überblickt werden kann. Mein erster Blick galt aber nicht den Gemüsebeeten ganz hinten oder der ausgedehnten Rasenfläche davor, sondern dem, was sich zu meinen Füssen bot. Grosse Quadersteine bilden eine Art Treppe, um einen Übergang zwischen Parterre und Keller zu bieten, der sich bepflanzen lässt. Wie ein kleiner Ausschnitt eines Amphitheaters kam es mir vor und gebannt schaute ich auf die Pflanzen hinunter. Die besondere Lage dieses Hangs bietet dicht beieinander einen Schatten- sowie einen warmen Südplatz. Und so finden sich dort Schattenliebhaber wie der Hirschzungenfarn oder das Grosse Immergrün neben Bartiris, mediterranen Kräutern und diversen wärmeliebenden Obstgehölzen: Ein dreissigjähriger Feigenbaum an der Wand, daneben eine Aprikose, eine Weinrebe bei einer alteingesessenen Minikiwi,  und oben auf dem Plateau eine zweite, sehr schön formierte Weinrebe an einem Sichtschutzzaun.

 

Wenn mich der Vorgarten überrascht hatte, so fehlten mir beim Erkunden dieses Plateaus dann gänzlich die Worte. Mitten zwischen Salbei, Rosmarin, einheimischem Thymian, Sedum und unter einer Strauchrose wächst bereitwillig ... ein Kaktus. Dieser Kaktus, eine Opuntia humifusa, ist in den Schweizer Alpen eingebürgert und tatsächlich stammt Anton Jungos Exemplar aus dem Wallis, wo er vor zwanzig Jahren auf dem Burghügel Valeria ein Teilstück abgebrochen hatte oder eher „gestohlen“, wie er schmunzelnd erzählte. Offensichtlich fühlt sich der Feigenkaktus, so der deutsche Name der Opuntia, auch in Schmitten urig wohl, hat sie sich doch über all die Jahre durch Ausläufer so sehr verbreitert, dass man sie zu Recht einen Bodendecker nennen kann. Und ein winterharter Kaktus-Bodendeckender, nein, so etwas ist mir in unserem Kanton bisher noch nicht begegnet.

Doch mir blieb nicht viel Zeit zum Staunen, denn hinter mir befand sich Jungos kleine Ansammlung von nicht-winterharten Topfpflanzen, die dastanden, als erzählten sie einander ihre Geschichten. Etwa die von der Agave, die Jungo als Baby von einem Schweizer Gardisten aus den Vatikanischen Gärten bekam oder die von seinem jüngsten Kind, der Chinesischen Jujube (Chinesische Dattel), einem kleinen Strauch, dem er in Arquà Petraca bei Padua nicht widerstehen konnte, oder aber die von der Ingwerlilie, die er 2009 aus den Azoren mitbrachte. Während dieser höchst invasive Neophyt dort als aggressives Unkraut gilt, kann man ihn bei uns problemlos unter Kontrolle halten und sich seiner herrlich duftenden Blüten erfreuen.

 

Mit diesen Geschichten im Kopf gelangte ich schliesslich zum Gemüsegarten. Auch wenn es für „Nicht-Gmüesler“ auf Anhieb nicht so scheint, zeugen doch Gemüsegärten genauso von ihren Besitzern wie alle anderen Arten von Gärten auch. Die Wahl der Pflanzen, deren Anordnung, die Art der Wege und der Bearbeitung des Bodens, ob man sich für kleinräumige Mischkulturen entscheidet oder die klassischen Monobeete, und ob man ein wuseliges Chaos zu- oder strenge Disziplin walten lässt, all dies gibt jedem Gemüsegarten seinen individuellen, unverwechselbaren Charakter und verleiht ihm seine eigene Schönheit. Ja, Gemüse hat eine ganz eigene Ästhetik und ich als Gemüsefan kann mich nicht daran sattsehen.

Jungos Gemüsegarten ist ein Ausbund an Schweizer Präzision. Gerade gezogene Reihen, sauber gejätete Wege und durchdacht bepflanzte Beete grüssten mich höflich, während mir die Kapuzinerkressen-Kolonne vor den Tomaten und die sich selbst versamten Dillsämlinge verstohlen zuzwinkerten. Es dürften nicht die einzigen Rebellen sein, die in den kommenden Wochen für hübsch bunte Aufruhr sorgen werden. Gesetzt hat Jungo Kapuzinerkresse oder auch Sonnenröschen aber nicht etwa, weil sie Schädlinge abwehren oder sich sonstwie positiv auf das Gemüse auswirken würden, sondern aus dem augenzwinkernden Grund, „damit es nicht zu materialistisch wird“.

 

Noch lachend drehte ich mich um und sah in ein fast leeres Bett eines kleines Bächleins, das die hintere Grenze des Gartens bildet. Die Hitze und Trockenheit der letzten Wochen hatten sichtbare Spuren hinterlassen, nur ein dünnes Rinnsal war zu erspähen und doch war es hier am Ufer merklich frischer und erträglicher. Kaum zu glauben, dass daraus bei heftigen Regenfällen reissende Wassermassen werden, die über die Ufer treten und massive Schäden anrichten können. Dies liegt unter anderem auch am äusserst hohen Grundwasserspiegel; da, wo Jungos Garten liegt, war früher nämlich ein Sumpfgebiet. Wie das kühlende Bächlein ist dies Segen und Fluch zugleich. Der ganze Garten kam trotz der letzten Wochen so prall und frischgrün daher, als wäre er täglich stundenlang gewässert worden. Andererseits aber haben hier tiefwurzelnde Bäume keine Chance, älter als sieben Jahre zu werden, weil sie schlicht ertrinken. Tja. Und ich hatte mich schon die ganze Zeit gefragt, warum einer, der nach seiner Pensionierung aus Spass an der Freude eine einjährige Ausbildung im Obstbaumschnitt gemacht hatte, einen gänzlich obstbaumlosen Rasen sein eigen nennt und stattdessen die zahlreichen Bäume seines Neffen beschneidet.

 

Zurück fiel mein Blick auf den Gemüsegarten. Beeindruckt hatte mich ganz besonders eines der Beete, das ausschliesslich aus Jungpflanzen des Neuseeländer Spinats bestand. Hier lässt Jungo dieses Gemüse jedes Jahr aufs Neue versamen, dient es ihm doch seit zwanzig Jahren als wichtiger Hinweis: Sobald der Neuseeländer keimt, ist die Zeit gekommen, die Gemüsebeete zu bestellen, „vorher lohnt sich das einfach nicht“. Ein phänologischer[ii] Tipp, der durchaus nachahmenswert ist, wie ich finde. Und falls sich jemand wundert: Ja, dieser „Spinat“, der keiner ist, aber genauso zubereitet werden kann, kommt ursprünglich aus Neuseeland und Australien und war hier vor dem 20. Jahrhundert noch weitgehend unbekannt. Auch heute noch gibt es nicht viele, die ihn kennen, wie Anton Jungo erstaunt von mir vernahm: „Ach, den Neuseeländer, den gibt’s doch schon lange. Ich habe ihn jedenfalls von meinen Eltern, die haben den auch schon angebaut.“ Klar. Wer Opuntien als Bodendecker, Murtechabis als Strukturgeber und Ingwerlilien als Duftspender im Garten hat, für den ist der Neuseeländer Spinat kalter Kaffee. Oder Peanuts.

Apropos, letztes Jahr wuchs bei ihm doch tatsächlich – wen vermag das noch zu wundern – eine Erdnusspflanze im Garten.

 

Nachtrag:

Als ich Anton Jungo anrief und darum bat, seinen Garten portraitieren zu dürfen, meinte er: „Aber das ist ein ganz gewöhnlicher Garten. Überhaupt nichts Besonderes. Ich glaube wirklich nicht, dass er in Ihre Reihe passt.“

 

 

Die Reihe Mut zum eigenen Garten ist Gärten und ihren Menschen gewidmet, die den Mut haben, keinen Modetrends zu folgen. Menschen also, für die das Folgende nicht bloss eine leere Floskel ist: „Zeige mir deinen Garten und ich sage dir, wer du bist.“ (Lesen Sie hier mehr dazu.)
Sie haben oder kennen einen solchen und möchten ihn porträtiert wissen? Schreiben Sie mir!

 




[i] Mein Fotoapparat hat vor dieser lüsternen Blütenfülle jämmerlich kapituliert. Es liegt also nicht etwa an mir, dass die Vorgartenfotos nicht so gelungen ausfielen, wie sie das hätten tun sollen ... hüstel.

 

[ii] Die Phänologie befasst sich damit, wann gewisse Entwicklungsstadien von Pflanzen stattfinden. So ist z. B. phänologisch erst dann Vollfrühling, wenn die Apfelbäume blühen, und das Ende des Winters ist gekommen zur Zeit der Blüte von Hamamelis oder Haselnuss. Ein unschätzbares Wissen für all jene, die mit der Natur arbeiten müssen bzw. dürfen, insbesondere für Gemüsegärtner. (Mehr dazu in: Eveline Dudda, Klaus Laitenberger: „Spriessbürger. Handbuch für den Anbau von Gemüse und Salat in der Schweiz.“)

 

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