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Eins mit der Natur

Zum Abschluss der Reihe „Mut zum eigenen Garten“ durfte ich Erika Moosers Garten in Hanehus besuchen, einem kleinen Weiler von Bösingen.

An gewissen Orten überkommt einen das Gefühl, dass man – wenn man ganz still ist und sich nicht rührt – in der nächsten Sekunde einen neckischen Kobold vorbeihuschen oder eine zierliche Elfe rumtänzeln sieht. Und auch wenn man keines dieser Geistwesen erblickt, so erscheinen einem diese Orte nicht minder zauberhaft und ja, doch, auch ein bisschen verzaubert. So erging es mir von der ersten Sekunde an mit diesem ganz eigenen Garten.

 

Bereits die schroffe, urchige Felswand aus Sandstein dem Mooser’schen Haus gegenüber, überwachsen mit Sträuchern und Bäumen, scheint direkt einer Sage entsprungen. Sieht man genauer hin, entdeckt man unzählige kleine Löcher – nein, es sind keine Wichtelhöhlen, sondern Nistplätze, geschaffen von mindestens so fleissigen Wesen, nämlich von Wildbienen. Der mit Blumenampeln versehene Kaminholz-Verschlag, vereinzelte Deko-Objekte und die ruhige, stimmige Bepflanzung zu Füssen der Felswand lassen erahnen, dass hier jemand mit viel Liebe zum Detail und zu diesem Ort wohnt. Und noch während ich einzelne Pflanzen von Nahem besehe und mich frage, wohin wohl der geschwungene Pflasterweg führen mag, kommt Erika um die Ecke des Hauses, heisst mich mit einem breiten Strahlen willkommen und führt mich den geschwungenen Weg entlang, der hinter das Haus auf dessen Südseite führt.

 

Der unerwartete Anblick ist beeindruckend. Angrenzend an den Waldrand liegt ein Hang mit Obstbäumen und Blumenwiese, der weiter unten nahtlos in ein Plateau übergeht mit gemähtem Rasen, Gemüse, Zierpflanzen, einem hinreissenden Sitzplatz und zweigeteilten Biotop. Den seitlichen und unteren Rahmen bilden einheimische Sträucher, die vor zwanzig Jahren – so alt sind sowohl Haus als auch Garten – von einem Gärtner gepflanzt wurden. Erikas Konzept war, einen fliessenden Übergang zu schaffen von oben nach unten, von Wald über Wildpflanzen zu klassischem Garten. Eine geschickte Idee, die nicht nur gestalterisch überzeugt, sondern auch hinsichtlich des Aufwands. Während der Gemüse- und Zierpflanzenbereich viel Jät- und Pflegearbeit benötigt, wird die Naturwiese nur zweimal jährlich gemäht; dem Waldrand genügt ein jährliches Auslichten.

 

Gute, unaufdringliche Gestaltungsideen sind ein Markenzeichen dieses Gartens. Armierungsmatten dienen einerseits als Pergolabogen, der zugewachsen mit Wildem Wein einen heimeligen Sitzplatz bietet, andererseits aber auch als unsichtbare Stütze für Dahlien, die einfach durch die horizontale Matte hindurchwachsen. Aus dem Holz des ursprünglichen, vor 20 Jahren abgerissenen Hauses wurde flugs eine grosszügige Gartenwergkzeugkiste gebaut und munter plätschert Wasser unter dem geerbten Brunnentrog hinaus direkt ins Biotop. Genau so überzeugend ist die Bepflanzung. Erika hat ein aussergewöhnliches Händchen für die richtige Pflanze am richtigen Ort. Bescheiden winkt sie ab, als ich ihr das sage, sie habe halt einfach eine grosse Liebe zur Natur, schon immer gehabt.

 

Bei Kaffee und selbstgemachtem Zucchettikuchen erzählt sie unter dem Wilden Wein, wie sie als Kind mit ihrem Grossvater spazieren ging, er sie die Namen von Blumen und Gräsern gelehrt und ihr Achtung vor der Natur beigebracht habe. Da die schüchterne Einzelgängerin keine gleichaltrigen Spielkameraden hatte, ging sie oft alleine mit dem Hund in den Wald und liebte es, die heimischen Pflanzen und Tiere zu beobachten. Der Respekt vor der Natur und das Beobachten sind der 60-Jährigen bis heute geblieben. Mit ein Grund dafür, warum sie auf Insektizide verzichtet – „Ich habe mal gesehen, dass eine ganze Horde von Blattläusen innert kürzester Zeit von Nützlingen gefressen waren. Seitdem mache ich nichts mehr, wenn es wieder welche gibt.“ – warum sie den diesjährigen Fertigkompost nicht nutzt – „Geht nicht, da wohnen gerade eine Blindschleiche und zwei Kröten, die kann ich doch nicht vertreiben.“ – oder wann die vierzig Frösche im Biotop am lautesten quaken: „Wenn Flugzeuge vorbeifliegen. Seltsam, nicht wahr?“

 

Erwidert wird diese Liebe sogar von Pflanzen, mit denen sie es eigentlich nicht so hat. So schön sie Pelargonien an anderen Häusern findet, so wenig möchte sie sie in ihrem Garten: „Die passen nicht richtig hierher.“ Gleichwohl wachsen zwei Stück quietschfidel in eben diesem Garten. Die eine bekam sie geschenkt und dann hat die „dummerweise das Winterquartier tipptopp überstanden“, die andere gewann sie bei einer Tombola, ein jämmerliches Ding von Pflanze, das nächstens den Löffel abzugeben schien. Doch das tat es nicht und darf seitdem zusammen mit der anderen bei Erika bleiben. Nein, Pflanzen fortschmeissen, das bringt sie nicht übers Herz, was nicht wirklich zu erstaunen vermag bei einer Frau, die selber wie eine Pflanze heisst.

 

Ob es auch an ihrem blumigen Namen liegt, dass es für sie keine lästigen Gartenarbeiten gibt? Wohl eher an ihrer Erfahrung. Wenn man es gar nicht erst so weit kommen lässt, dass einem die Arbeit über den Kopf wächst, dann kann man sie sich auch einteilen. Diese massvolle und abwechslungsreiche Gartenarbeit hält offensichtlich jung, denn die fünffache Grossmutter sieht gute zehn Jahre jünger aus, als sie ist.

Auf die Frage aber, welchen Ratschlag sie einem Gartenneuling geben würde, rät sie von klassischen arbeitsaufwändigen Staudenbeeten ab und weist mit dem Zeigefinger auf ihr Wildblumenbeet direkt am Haus: Man soll möglichst einheimische, robuste Pflanzen wählen, die sich selber versamen. Danach sei man eigentlich nur noch Wächter und entferne bloss noch, was überhand nimmt. Spannend ist es zu beobachten, wie sich das Beet Jahr für Jahr verändert, mal dominieren diese Pflanzen, mal haben sich zur freudigen Überraschung jene Pflanzen aus entfernten Beeten versamt ... Und wieder sind wir beim Beobachten, bei der Liebe zu Flora und Fauna und bei Erikas Lebensmotto, das in tibetischen Schriftzeichen auf dem Stein neben dem Hauseingang geschrieben steht: „Eins Sein mit der Natur“.

 

Dass sie dieses Lebensmotto an diesem idyllischen, abgelegenen Ort leben darf, dafür ist Erika täglich dankbar, und wenn sie einen Wunsch frei hätte, dann wäre es nur der: Sie möchte möglichst lange gesund bleiben, auf dass sie noch lange gärtnern kann.

Ich wünsche es von ganzem Herzen. Ihr, den Pflanzen (ja, auch den zwei Pelargonien), den Fröschen, Kröten, Schleichen, Bienen, Kobolden, Elfen und nicht zuletzt ihren Enkeln, auf dass sie von Erika mitbekommen, was ihr damals der Grossvater mit auf den Lebensweg gegeben hatte.

 

 

Die Reihe Mut zum eigenen Garten ist Gärten und ihren Menschen gewidmet, die den Mut haben, keinen Modetrends zu folgen. Menschen also, für die das Folgende nicht bloss eine leere Floskel ist: „Zeige mir deinen Garten und ich sage dir, wer du bist.“ (Lesen Sie hier mehr dazu.)

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