0

Drei Lenze

Im zweiten Beitrag der Reihe „Mut zum eigenen Garten“ möchte ich eine der wichtigsten Pflanzen in meinem Garten vorstellen und somit auch einen kleinen Ausschnitt von ihm.

Vor unserer Haustür liegt ein gärtnerischer Problemort, der es in sich hat: Er liegt im kalten Norden, ist schattig, trocken und der bepflanzbare Bereich ist nicht nur schmal, sondern von den Vorbesitzern mit Kies, Steinen und einem unschönen Maschendrahtzaun versehen worden. Die Vorstellung, dass ich jedes Mal beim Heimkommen auf so ein graues Einerlei schauen musste, liess mich verzweifelt nach einer pflanzlichen Lösung suchen. Nachdem ich es mit Efeu versucht und dann festgestellt hatte, dass dieser mindestens einmal im Monat geschnitten werden musste, damit die Wegplatten noch einigermassen passierbar waren (darauf wäre ich deutlich früher gekommen, wenn ich vorher nachgedacht hätte), bekam ich eines denkwürdigen Tages lieben Besuch. Die Gartenfreundin sah auf das Elend hernieder und fragte so simpel wie sinnig: „Warum setzt du da keine Hellis?“ Da ich tatsächlich keine Ahnung hatte, warum eigentlich nicht, begaben wir uns flugs in eine Spezialitätengärtnerei, die berühmt für ihre beeindruckende Auswahl an Helleboren ist, und mit vier brandneuen Erwerbungen sowie einem seligen Lächeln auf den Lippen kam ich wieder raus. Es war der Beginn meiner treuen Lenzrosenliebe.

 

Inzwischen sind einige Lenze sowie zwei weitere Gärtnereibesuche vergangen und der Eingangsbereich hat sein ödes Grau komplett verloren. Man sieht den Maschendrahtzaun zwar noch – er kann nicht entfernt werden, da sich dicht daran eine mächtige nachbarliche Lorbeerkirschenhecke befindet –, aber man beachtet ihn nicht mehr. Jetzt, vom Februar bis mindestens April, wird der Blick magisch von den verschiedenfarbenen Blüten angezogen, danach beeindruckt das ausladende, sattgrüne Blattwerk. Und immer sehen die Lenzrosen aus, als wären sie geputzt und gestriegelt. Unten sehen Sie ein Foto mit einem Ausschnitt dieses Lenzrosen-Spalier-Weges, beginnend mit einer schwarzblütigen Helleborus. Wäre ich fotografisch begabt, sähe es auch so aus wie in Wahrheit, nämlich viel schöner ...

 

Was ich an diesen Pflanzen am meisten liebe, ist ihr geheimer Trick: Die Blüten täuschen; die fünf (oder bei gefüllten Blüten mehr) bunten äusseren Blätter sind keine Blütenblätter, sondern umgewandelte Hochblätter. Die eigentlichen Blütenblätter sind im meist dunkel gefärbten kleinen Ring um die Staubgefässe herum. Sie fragen sich jetzt vielleicht, was daran so toll sein soll. Nun, diese Hochblätter verblühen nicht. Während also die eigentliche Blüte schon weg ist und sich Samen bilden, sieht es von oben so aus, als sei sie noch munter am Blühen. Und jetzt gereicht es auch zum Vorteil, dass die Blüten nach unten schauen – der grosse Unterschied zu den Blüten der Christrose (siehe auch den Artikel über Helleboren: Drei Schwestern).

 

Aber zurück zu den Samen. Helleboren versamen sich sehr bereitwillig, aber leider fallen die meisten Samen direkt neben die Mutterpflanze. Damit diese nicht irgendwann inmitten ihrer eigenen Nachkommen erstickt, ist es von Vorteil, diese Sämlinge möglichst früh zu entfernen, am besten, solange sie noch im Keimblattstadium sind (wenn sich also noch keine gefiederten Blätter entwickelt haben). Lenzrosen bilden nämlich in kurzer Zeit beeindruckend kräftige Wurzeln, was einem das Jäten nicht unbedingt leicht macht.

Nachdem ich die ersten paar Jahre jeden März und April fleissig gejätet hatte (dann kommen sie nämlich, die kleinen Hellis), kam mir die naheliegende Idee, diese Vermehrungsfreude für mich zu nutzen:

 

-       Sobald die Samenkapseln mit dem Ausreifen beginnen – wenn sich das Frischgrün langsam verfärbt –, schneide ich alle Blüten weg bis auf die schönsten, von denen ich gerne Überraschungskinder haben möchte. (Das erspart mir viel Jätarbeit.) Passen Sie beim Schneiden der alten Blüten auf – der Saft von Helleboren ist giftig und kann zu Hautausschlag und Blasenbildung führen.

-       Die Sämlinge lasse ich wachsen, bis sie ihr erstes richtiges Blatt gebildet haben. Erst dann grabe ich sie vorsichtig aus. (Vorher haben sie Mühe damit, den Umpflanzschock zu überleben.)

-       Die Sämlinge (nur jene mit intakten Wurzeln) setze ich dann in Töpfe oder Kisten mit normaler Erde in einem Abstand von etwa 7 cm zwischen den einzelnen Pflanzen. Diese Töpfe stelle ich an einen halbschattigen Ort, der nicht überdacht ist. (So muss ich nicht dauernd ans Giessen denken, weil mir der Regen hin und wieder die Arbeit abnimmt.)

-       Nach einem Jahr pflanze ich die Jungpflanzen in grössere Töpfe mit grösserem Abstand und warte ein weiteres Jahr.

-       Nun sind drei Lenze vergangen, ein gutes Alter, um sie an ihren endgültigen Bestimmungsort zu pflanzen oder einem lieben Menschen zu verschenken,

 

wenn Sie es denn übers Herz bringen, die Schönheiten verschenken zu können. Denn ab jetzt, also mit drei Jahren, werden sie das erste Mal blühen (es gibt Langsamentwickler, die brauchen auch mal ein Jährchen länger), was super spannend ist, vor allem wenn man verschiedenfarbige Muttersorten nebeneinander stehen hatte. Die Sämlinge sind herrliche Überraschungseier und können Farben und Formen aufweisen, die Sie bis anhin noch nicht gesehen haben.

Weil diese Überraschungseier so viel Freude machen, bin ich nun daran, sukzessive den halbschattigen, sehr langen Fuss eines Hangs mit Hellikindern zu bestücken. Und sollte der irgendwann voll sein, dann mache ich ungerührt weiter mit der Sämlingskinderstube. Wer weiss, vielleicht entsteht irgendwann die Schönste aller Schönsten, und was zu viel ist, kann ja dann immer noch verschenkt werden.

 

Erläuterungen zu den Bildern:

Oben                    Einzelne Blüten in einer Wasserschale halten sich ungefähr zwei bis drei Tage. Ganze Blütenstiele in der Vase halten länger, wenn man sie schräg anschneidet.

Töpfe                   Auf dem Foto sind ein- und zweijährige Lenzrosen-Sämlinge zu sehen. Zum Grössenvergleich habe ich mitten hinein ein erwachsenes Lenzrosen-Blatt gesteckt.

Weisse Blüten      Diese Pflanze ist eine der ersten vier, die ich gesetzt hatte – so üppig blühen sie erst mit ein paar Jährchen auf dem Buckel. Bei Lenzrosen schneide ich die Laubblätter im Januar/Februar zurück, weil sie sonst die Blüten verdecken würden, und um die Schwarzfleckenkrankheit einzudämmen.

Grüne Blüten       Ein Teil des Hangfusses, der künftig komplett von Hellis besiedelt sein wird. Die Pflanzen auf dem Bild sind drei- bis vierjährig.

 

 

Die Reihe Mut zum eigenen Garten ist Gärten und ihren Menschen gewidmet, die den Mut haben, keinen Modetrends zu folgen. Menschen also, für die das Folgende nicht bloss eine leere Floskel ist: „Zeige mir deinen Garten und ich sage dir, wer du bist.“ (Lesen Sie hier mehr dazu.)
Sie haben oder kennen einen solchen und möchten ihn porträtiert wissen? Schreiben Sie mir!

Kommentare zu diesem Artikel