0

Bahnwärter und andere Leidenschaften

Der dritte Beitrag der Reihe „Mut zum eigenen Garten“ führt uns nach Sugiez zu Marlise und Roland Fasnacht, zwei leidenschaftlichen Gärtnern, und ihrem Garten, dem auch eine historische Frostnacht nichts von seiner Schönheit nimmt.

Es war ein kalter Morgen, als ich nach Sugiez fuhr. In der Nacht zuvor war nach wochenlangen Höchsttemperaturen ein historisch verheerender Spätfrost über uns gekommen, ein Ereignis, das gärtnernden Menschen, also auch mir, in unschöner Erinnerung bleiben würde. Doch als ich schliesslich ankam und einen ersten Blick über das 3000 m2 grosse Grundstück schweifen liess, konnte ich nicht anders, als zu lächeln.

 

Es ist, als breite der Garten die Arme aus und heisse einen willkommen. Von der Strasse her sieht man direkt zum Haus, das auf einer leichten Anhöhe im hinteren Drittel steht (man ist beinahe versucht zu sagen, es sei dort gewachsen). Abgesehen vom grossen Gewächshaus versperren keine abschottenden Hecken oder trutzigen Mauern die Sicht. Durch-sichtig ist der Garten im wahrsten Sinne des Wortes und so aufgeschlossen und gastfreundlich wie die Fasnachts selber. Während ich langsam zum Haus schlenderte und dabei nach links und rechts guckte, hatte ich den Eindruck, dass dieser Garten sowohl alt als auch jung war, über viele Jahre gewachsen und gleichzeitig von einer vergnügten jugendlichen Frische.

 

Genau dreissig Jahre ist es her, dass das Haus gebaut worden war und mit den ersten Spatenstichen aus dem geerbten Rhabarberfeld nach und nach ein Garten werden sollte. Als erstes entstanden der Teich (heute ist es ein Schwimmteich und später sind zwei weitere Biotope dazugekommen) und mehrere Meter an niedrigen, strukturierenden Mäuerchen rund ums Haus. Die gärtnerischen Interessen sowie die Arbeitsteilung waren damals klar. Während Marlise für die „Blüemli“ zuständig war, interessierte sich Roland in erster Linie für spezielle Bäume und Sträucher. Und da er als selbstständiger Gemüsegärtner während der Saison meist nur sonntags Zeit für den Garten hatte, oblag ihr grösstenteils die Pflege.

 

Der Garten wuchs und mit ihm auch die Liebe beider zu Stauden, die immer öfters einzogen. Nebst der Tatsache, dass sich die Interessen der beiden zu überschneiden begannen, kann Roland inzwischen auch so viel Zeit im Garten verbringen wie Marlise. Nun bin ich ja überzeugt davon, dass Adam und Eva nur deswegen aus dem Paradies vertrieben wurden, weil sie sich über den Obstbaumschnitt stritten. Es interessierte mich folglich brennend, wie die beiden es hinkriegen, Seite an Seite zu gärtnern, denn das können sie ganz offensichtlich, schliesslich sind sie immer noch verheiratet.

Sie sahen einander an und grinsten breit. So einfach sei das tatsächlich nicht. Während er eher bunte Beete möge, gefielen ihr saubere Farbverläufe, er pflanze alles ganz eng, sie aber bevorzuge freien Platz um die einzelnen Gewächse, damit das Jäten einfacher falle, sie schneide sehr gerne, aber wehe, sie vergreife sich an den Gehölzen oder seinen geliebten Bahnwärterlilien (Hemerocallis fulva).

 

„Bahnwärterlilien? Diese Allerweltspflanzen?“ platzte es aus mir heraus und ich hoffe sehr, sowohl etwaige Bahnwärter-Besitzer als auch die Taglilien selber verzeihen mir meine so spontane wie diskriminierende Reaktion. Aber dass in einem Garten, der so voller Seltenheiten und Spezialitäten ist, diese unverwüstliche und – man verzeihe mir –recht gewöhnliche Pflanze einen solchen Stellenwert innehat, erstaunte mich dann doch sehr. „Aber das Orange! Wenn du zehn Laufmeter davon in voller Blüte siehst, dann muss dir das einfach gefallen“, schwärmte Roland. „Also, von mir aus müssten die nicht sein, dieses Gestrüpp da“, meinte Marlise, „aber wenn man sie nach der Blüte runtersäbelt, gehen sie einigermassen.“ „Genau“, ergänzte Roland, „die treiben dann wieder richtig schön aus. Das sind doch tolle Pflanzen!“

Rolands Treue ist unverbrüchlich und das nun schon seit drei Jahrzehnten, war die Bahnwärterin doch mit die erste Pflanze, die überhaupt in diesem Garten gesetzt wurde.

„Da war so eine Gärtnerei, die in Konkurs ging und da konnte man hin und dann haben die einfach in den Beeten so viel von den Taglilien abgestochen, wie du wolltest. Bezahlt hast du nicht pro Stück sondern pro Quadratmeter. Tja. Und wir mit unserem riesigen Garten, der bestückt werden wollte. Da musste ich natürlich zugreifen.“

 

Wenn man hört, dass die beiden gewisse Bereiche im Garten haben, in denen der andere mit seinen jeweils anderen Vorlieben nur unter Strafe etwas zu suchen, geschweige denn zu melden hat, dann könnte man meinen, das sähe man dem Garten auch an. Doch das Gegenteil ist der Fall. Mit ein Grund ist das eine verbindende Element, das sich wie ein roter Faden durch den ganzen Garten zieht: In den meisten Staudenbeeten wächst mindestens ein kleinblättriges Gehölz. Unten aufgeastet spendet es den Stauden zwar lichtschattigen Schutz vor der heissen Sonne, lässt einem aber trotzdem die freie Sicht auf die dahinterliegenden Pflanzen und Beete. Daher also die Transparenz, die mir gleich von Anfang so aufgefallen war, was für ein geschickter Fasnacht’scher Kniff!

Nebst einem guten Händchen für solche Kniffe ist den beiden auch die Leidenschaft gemeinsam, die Beete immer wieder zu verändern. Marlise verbessert und ergänzt ein Beet so lange, bis es für sie stimmig ist (momentan ist das ihr rein weisses Beet), Roland nimmt nach drei Jahren einfach alle Stauden raus, um wieder völlig neu zu setzen (brandneu das orange-blaue Beet mit ... nein, falsch gedacht – nicht nur Eisenbahnbedienstete blühen orange). Es ist dies, was dem 30-jährigen Garten das überraschend jugendliche Flair verleiht und ihn so spannend macht wie seine Gärtner selber.

 

So spannend, dass es inzwischen schon später Nachmittag geworden war. Nach einer herzlichen Verabschiedung stieg ich ins Auto, drehte den Zündschlüssel um und schaute nochmals auf die Randbepflanzung neben dem Parkplatz. Frischgrün zwinkerte mir ein Spalier aus Bahnwärterblättern zu. Die Frostnacht werde ich nicht mehr vergessen, mich dabei aber auch stets an den darauffolgenden Tag erinnern, an die strahlende Sonne, das Plaudern und Lachen mit den beiden und an diesen Garten.

 

Die Reihe Mut zum eigenen Garten ist Gärten und ihren Menschen gewidmet, die den Mut haben, keinen Modetrends zu folgen. Menschen also, für die das Folgende nicht bloss eine leere Floskel ist: „Zeige mir deinen Garten und ich sage dir, wer du bist.“ (Lesen Sie hier mehr dazu.)
Sie haben oder kennen einen solchen und möchten ihn porträtiert wissen? Schreiben Sie mir!

 

Kommentare zu diesem Artikel