Schwarzenburg 20.07.2017

Kunst in der Grauzone

An den Wänden der BLS-Unterführung beim Bahnhof Schwarzenburg sind legale wie auch illegale Sprayereien angebracht.
In und um Schwarzenburg wurden in den letzten Wochen verschiedentlich illegale Sprayereien festgestellt. Für Fachleute sind sie zwar nichts Ungewöhnliches, aber in der Region ein Thema. Oft ist die Grenzziehung zwischen «ok» und «nicht ok» nicht einfach.

Plötzlich tauchten die Sprayereien an vielen Orten in Schwarzenburg auf, hauptsächlich in der Nähe des Bahnhofes, aber auch bei den Schulhäusern. Dominik Jäggi, Mediensprecher der Kantonspolizei Bern, stellte im ersten Halbjahr 2017 eine leichte Zunahme der angezeigten Fälle fest, meint aber: «Die Zahl unterliegt jährlich auch Schwankungen, man kann nicht von einem Trend sprechen.» Schwarzenburg ist keine Ausnahme: In Laupen hat es kürzlich die Polizeiwache erwischt, eine Woche danach jene in Flamatt. Laut Hanspeter Canal, dem Bezirkschef der Kantonspolizei in Schwarzenburg, «handelt es sich um ein heisses Thema in der Region». Gemeindepräsident Martin Haller hat keine Kenntnis von Klagen und ist nicht grundsätzlich gegen Spray-Kunst: «Das sieht teilweise schön aus, wenn es an legalen Orten gemacht wird.» Zu Vandalismus im öffentlichen Raum aber sagt er: «Das regt mich auf.»

«Die besten Erfolgsaussichten für die Aufklärung bestehen, wenn die Täter in flagranti erwischt werden.»

Dominik Jäggi

Sprecher Kantonspolizei Bern

 
 

Gemäss Jäggi sind Sprayereien illegal, «wenn sie ohne Einverständnis oder Bewilligung des Eigentümers angebracht werden. Dann handelt es sich rechtlich gesehen um Sachbeschädigung – also eine Straftat.» Was die einen als «Lausbubenstreich» abtun, ist oft mit grossen Kosten verbunden. Laut Mediensprecherin Helene Soltermann wendet zum Beispiel die BLS jährlich rund 1,3 Millionen Franken auf, nur um Sprayereien wieder zu entfernen – deshalb werden diese konsequent angezeigt. Dazu kommen weitere Aufwendungen, wie für die Security oder die Überführung der Züge in die Werkstätten. Rund ein Drittel der Haltestellen – darunter auch der Bahnhof Schwarzenburg – wird deshalb mit Kameras überwacht, was Wirkung zeige: «Die Bahnhöfe werden weniger beschädigt, und bei Sprayereien können wir mit der Kantonspolizei die Täterschaft oftmals ermitteln.»

Hier geht's zur Graffiti-Bildergalerie.

Die 10 000-Franken-Grenze

«Ein Delikt wird gemäss Strafgesetzbuch von Amtes wegen verfolgt, wenn ‹ein grosser Schaden› vorliegt», so Jäggi. Dies seien laut gängiger Rechtspraxis Sachschäden von über 10 000 Franken. Auch bei Sprayereien mit rassistischen Äusserungen und Darstellungen, an Strassensignalisationen oder öffentlichen Objekten wird die Polizei aktiv. «Mutmassliche Täter werden bei der Staats- oder Jugendanwaltschaft angezeigt. Die rechtliche Würdigung des Sachverhalts obliegt der Justiz.»

«Eine Grenze zwischen Sprayereien, die ok oder nicht ok sind, ziehe ich dort, wo andere geschädigt werden.»

Tobias Nägeli

Stellenleiter Jugendarbeit

 

Tobias Nägeli, Stellenleiter der Jugendarbeit Region Schwarzenburg, nimmt das Interesse der Jugendlichen unterschiedlich wahr: «Wie bei vielen kulturellen Ausdrucksformen kommt und geht es in Wellenbewegungen.» Graffiti sei ein Thema. Von Dritten bekämen sie mit, dass aktuell viele Tags an Wänden oder Mauern angebracht werden. «Eine Grenze zwischen Sprayereien, die ok oder nicht ok sind, ziehe ich dort, wo andere geschädigt werden.»

Der Gemeinderat habe die Unterführung Steinhaus für Graffitis freigegeben. Weiter warten im neuen Jugendtreff Schlossgasse zwei extra montierte Holzwände darauf, bemalt zu werden. Ob eine Neugestaltung der Bahnhofsunterführung möglich ist, müsse nachgefragt werden. «Wenn Jugendliche entsprechende Orte für legale Bemalungen suchen, bieten wir unsere Unterstützung an», so Nägeli.

Umgehend der Polizei melden

Tim Brücklmayer (19) leitet im Rahmen des «FerienSpass Schwarzenburg» einen Graffitikurs. Er ist selber schon einem Tagger auf die Schliche gekommen: «Ich habe ihn auf die Seite genommen und mit ihm besprochen, dass das nicht so toll ist.» Dass die aktuellen Schmierereien von Einheimischen stammen, ist für ihn nicht sicher. Es könne sich auch um Jugendliche aus anderen Gemeinden handeln.

Schulleiter Max Büttikofer kennt das Phänomen seit Ende der 80er-Jahre. Um 1998 musste die Nordwand der alten Turnhalle sowie die ganze Nordseite des Oberstufenschulhauses neu gestrichen werden. Bei Vorkommnissen – wie kürzlich gerade der Fall – werde die Polizei informiert, die das ganze fotografisch dokumentiert. Danach werde die Farbe sofort entfernt: «Dies geht umso besser, wenn sie nicht ganz trocken ist. Meist muss dies ein Maler machen. Die Kosten betragen bis zu mehreren Tausend Franken», so Bütikofer. Wenn er einem Sprayer begegnen würde, würde er die Personalien aufnehmen und ihn anzeigen. Das ist im Sinne der Polizei, so Mediensprecher Jäggi: «Die besten Erfolgsaussichten zur Aufklärung von Sachbeschädigungen mit Graffiti bestehen, wenn die Täter in flagranti erwischt werden.» Es gelte, verdächtige Beobachtungen unverzüglich der Polizei zu melden.

Die Fotos der Sprayereien werden archiviert, Spuren am Ort gesichert und mit bereits bekannten Fällen abgeglichen. So können Schäden noch nach Jahren an Personen festgemacht werden.