Schwarzenburg 02.03.2017

«Klassische Frauenchöre sterben aus»

Christine Lüthi, langjährige Dirigentin des kürzlich aufgelösten Frauenchors Schwarzenburg, sammelt Liederbücher mit Volksliedern.
Immer weniger Mitglieder und keine Aussicht auf Nachwuchs: Der Frauenchor Schwarzenburg hat sich kürzlich nach über 140 Jahren Existenz aufgelöst. Das Ende sei schleichend gekommen, sagt die Dirigentin.

Nein, Tränen habe es beim Beschluss, den Frauenchor Schwarzenburg aufzulösen, nicht gegeben. Das sagt die Ex-Dirigentin des Ensembles, Christine Lüthi, in ihrer Stube. Den elf verbliebenen Aktivmitgliedern sei schon länger klar gewesen, dass das Ende nahe sei. Im letzten Dezember habe sie mit dem Vorstand eine Sondersitzung angeregt, um die Zukunftsaussichten des Chors zu besprechen. «Den Frauen war sonnenklar, dass es so nicht mehr weitergehen konnte», so Lüthi. Gemeinsam hätten sie entschieden, den Chor aufzulösen. Diese Ankündigung habe dann natürlich vereinzelt zu Tränen geführt. Um das Ende möglichst rasch umzusetzen, zog der Chor sogar die Hauptversammlung vor. Im Februar war es dann so weit. «Wir haben den Chor erhobenen Hauptes und würdig aufgelöst.»

Komparsin bei «Uli der Knecht»

Der letzte öffentliche Auftritt des Chors sei bezeichnenderweise anlässlich der Beerdigung eines Mitgliedes im Herbst 2014 gewesen. Dass dies das Finale sein würde, wusste damals niemand. Doch der Niedergang habe sich abgezeichnet. Als Lüthi 2006 beim Chor einstieg, sangen noch 16  Frauen mit. Viele gingen jedoch bereits auf die 80 zu. So habe eines der Mitglieder als Kind bei den Dreharbeiten von «Uli der Knecht» mitgemacht. Die jüngste Sängerin im Chor, die Präsidentin, sei 55 Jahre alt, Lüthi mit 48 Jahren gar fast halb so alt wie die meisten Sängerinnen. «Nur schon die Anreise zu den Proben gestaltete sich immer schwieriger, gerade im Winter.» Die Frauen seien ermüdet im Proberaum angekommen und hätten sich kaum erholen können. Sie habe auch gemerkt, dass mit dem Alter die Konzentration nachlasse. 2014 beschloss der Chor, nicht mehr aufzutreten. Das sei die richtige Entscheidung gewesen. Zwar habe das Fernsehen in diesem Jahr den Frauenchor noch für eine Kurzreportage besucht. Doch die abnehmende Konzentrationsfähigkeit habe längere Auftritte nicht mehr zugelassen. Weiter sei es immer schwieriger geworden, neue Stücke einzustudieren. «Mir tat es leid, dass meine Sängerinnen nicht mehr so weitersingen konnten, wie sie es gewohnt waren.»

«Auch Liedgut geht verloren»

Der Grund für die Überalterung findet sich in den Statistiken. Ständig traten Mitglieder aus oder starben. Der letzte Neuzugang war 2011, der einzige in 15 Jahren. «Klassische Frauenchöre sterben aus», sagt Christine Lüthi. Im Gegenzug stelle sie einem Boom von Jugend-, Jodel- oder Gospelchören fest, gerade unter jungen Frauen. Auch gemischte Chöre hielten sich gut, sagt Lüthi.

«Auch das traditionelle Volksliedgut geht verloren. In rund 20 Jahren wird es verschwunden sein», prophezeit Lüthi. Sie meine Lieder wie «Das Heideröslein» oder «Wie die Blümlein draussen zittern». Lüthi sammelt entsprechende Liederbücher und kennt sich aus. «Das sind Chuchilieder, die ich noch von meiner Grossmutter gekannt habe.» Sie habe sie immer wieder gesungen, zum Beispiel, um sich die Arbeit zu erleichtern. «So bescheiden, wie diese Musik ist, so bescheiden wird sie verschwinden», sagt sie und seufzt. Und wenn die Lieder nicht mehr gesungen werden, sterben sie.

Der Frauenchor Schwarzenburg wurde 1875 gegründet – war bei der Auflösung also über 140 Jahre alt. Und sie habe sich jedes Mal über die Begeisterung gefreut, welche der Chor in Schwarzenburg verbreitet habe. «Die Kirche war voll, wenn wir auftraten. Schwar­zenburg hat den Chor geliebt.» Wenn der weiss- und grauhaarige Chor auf die Bühne trat, so erinnert sich Lüthi, hätten einzelne dafür ihren Rollator stehen lassen und seien würdevoll vors Publikum getreten. Und sie waren an vielen Veranstaltungen im Dorf willkommen, Frauen, die tief in Schwarzenburg verwurzelt sind und aktiv am Dorfleben mitmachen. Auch hatte der Chor einen regen Austausch mit Gruppen aus dem Kanton Freiburg, namentlich aus dem Sensebezirk.

«Wir sind Freundinnen»

Sich mit einem Männerchor zusammenzuschliessen, kam für die verbliebenen Mitglieder des Frauenchors nicht mehr infrage. Das Vereinsleben jedoch wollen die Frauen beibehalten. Sie treffen sich einmal im Monat zum Essen und freuen sich über neue Gesichter. «Wir sind Freundinnen geworden», sagt Lüthi, mehr noch: «Sie sind mütterliche Vorbilder für mich und sind mir in schweren Zeiten beigestanden.» Sie habe viel von ihren Freundinnen gelernt, zum Beispiel, wie man Eierlikör macht. «Ihr Schatz an Wissen ist riesig. Ihre Geschichten werden mir fehlen.» Und die finanziellen Mittel, die dem Verein geblieben sind, wollen die Frauen an einer «Blueschtfahrt» im Frühling verputzen.

Chronologie

Eine Geschichte mit Unterbrüchen

Der Schwarzenburger Frauenchor «Immergrün» entstand 1875. Es bestehen Anzeichen, dass der Chor sogar noch älter sein könnte, doch fehlen die Beweise. Zwischen 1927 und 1945 war der Chor inaktiv, in erster Linie wegen der politischen Lage, sagt Dirigentin Christine Lüthi. Nach dem Krieg wurde er mit 54 Mitgliedern zurück ins Leben gerufen und nannte sich ab 1947 Frauenchor Schwarzenburg. Bereits 1958 wurde an der Hauptversammlung erstmals die Auflösung traktandiert – und abgelehnt. Seit 2002 sind sieben Mitglieder ausgetreten, sechs sind verstorben. Der Chor verzeichnete während dieser Zeit einen einzigen Beitritt. Am Ende zählte er noch elf aktive Sängerinnen.

fca