Schwarzenburg 06.07.2017

Die Läuterung der Widerspenstigen

Das aufwendige Bühnenbild: Geierwally wird von den Geistern versucht (rechts), während im Dorf unten das Leben weitergeht.
Die Bühne Schwarzenburg spielt diesen Sommer unter freiem Himmel die «Geierwally». Das Stück unter der Regie von Eva Mann ist die rasante, moderne und topaktuelle Interpretation eines rund 150-jährigen Romans.

Die Durchlaufprobe an diesem Abend beginnt mit einem Zither-Intro und der Geschichte, wie die Geierwally – bürgerlich Walpurga Steiner – zu ihrem Übernamen kam. Sie stieg als Jugendliche (Lea Hiller) auf Geheiss ihres Vaters, des «Sonnenbauern» (Hans Flury), auf eine unzugängliche Bergwand und nahm das Nest eines Lämmergeiers aus. Sie zog den Vogel auf, der danach ihr ständiger und – im Stück imaginärer – Begleiter wurde.

Die Bühne Schwarzenburg bringt die Geschichte als Freilichtaufführung. Mit dem Stück kommt die Truppe nach dem Stationentheater «Vreneli ab em Guggisberg» von 2015 wieder in die romantische Thujahecke, ihren traditionellen Spielort, zurück. Die Geschichte über die eigenwillige Heldin nach dem Heimatroman der Österreicherin Wilhelmine von Hillern spielt in der alpinen, katholisch geprägten Bergwelt. Die junge Frau wehrt sich gegen ihren Vater, ebenso gegen die gängigen Klischees und Frauenbilder.

Eine alpine Liebesgeschichte

Die junge, furchtlose Wally hat Mühe mit den gesellschaftlichen Konventionen. Sie tut das Gegenteil dessen, was andere von ihr erwarten. Damit gerät sie mit ihrem tyrannischen Vater in Konflikt, spätestens, als sie sich in den Jäger Bären-Joseph (Fredy Jutzi) verliebt. Ihr Vater will, dass sie den Nachbarsburschen Vinzenz (Martin Zürcher) heiratet. «Ich bin kein Stück Vieh, das man einfach verheiraten kann», wehrt sie sich. Er will sie mit Schlägen gefügig machen und entgegnet: «Die Tochter gehört dem Vater wie ein Stück Vieh.» Deshalb könne er sehr wohl bestimmen, wen sie heirate.

Diese dramatische Szene leitet über zum zweiten Teil der Geschichte. Der Vater verbannt die nun ältere Wally (Martina Brönnimann) in die Berge. Nur die liebende Amme Lena (Madeleine Bichsel) und der betagte Knecht Köbu (Peter Aebi) halten noch zu ihr. Auf dem Oberjoch – auf der Bühne originell dargestellt durch einen Haufen SBB-Paletten – wird Wally in ihrer Einsamkeit von Geistern versucht. Sie soll ablassen von ihrer Liebe und in deren Welt eintreten. «Ich ertrage alles, aber meine Liebe lasse ich nicht los», stemmt sie sich der Verlockung entgegen.

Wally steigt herunter vom Berg, vorübergehend im Frieden mit sich selbst. Sie will einen Weg finden zwischen «dem Stierengrind von Vater und dem Halbschuh, der mich heiraten will», wie sie es ausdrückt. Doch zu Hause erwarten sie Vorwürfe und Gewalt. Sie schlägt Vinzenz nieder und brennt die Scheune des Bauern ab. Abermals muss sie – die «verdammte Hexe!», wie der Vater sie nennt – vor dem Mob fliehen. Diese Szenen sind fulminant, dicht und emotional. «Das Weibervolk hat Angst vor mir, die Männer wollen mir an die Wäsche», klagt Wally.

Einige halten zur Wally

Doch dann erhält sie Hilfe, zuerst vom Pfarrer, der sie mit der heiligen Walpurga vergleicht: «Gott hat aus einem harten Holz eine Heilige geschnitzt.» Dann stehen ihr der Aussenseiter Benedikt (Tristano Genovese) und dessen Tochter Mariann Klotz (Chiara Cianci) bei. Benedikt ist sogar bereit, Wally zu heiraten, um ihr ein Heim und seiner Tochter eine Mutter zu geben – Wally lehnt ab, weil sie die beiden zwar sehr mag, ihn aber nicht liebt. Auch diese Szene gehört zu den starken im Stück, ist humorvoll, aber auch romantisch und geht unter die Haut.

Wieder trifft Wally auf Joseph, der in Begleitung des Mädchens Anna (Lea Hürst) unterwegs ist. In der Meinung, dass es sich dabei um Josephs Geliebte handelt, wird Wally zur Furie und löst fast eine Tragödie aus. Im Verlauf des letzten Drittels entwickelt die Heldin viele schlechte Charaktereigenschaften des Vaters. «Ich will kein Mann sein und keine Frau. Ich will ich sein», sagt sie. Wally wird arrogant, undankbar, herrschsüchtig, hartherzig, «Sie ist eine richtige Steiner», sagen die Dorfbewohner. «Ich bin nichts für die Menschen, und die Menschen sind nichts für mich», sagt sie stolz. Sie fordert zuerst Joseph zum Schwingkampf um einen Kuss und dann Anna zum Duell – es kommt zum Eklat.

Wally hadert zu Beginn mit Gott, der sich nicht um sie kümmere, und mit Jesus, der keine Ahnung von Liebeskummer habe. In einer späteren Szene zerschlägt sie ein Holzkreuz. Schliesslich sieht sie rechtzeitig ihren Fehler ein: «Ich habe alles falsch gemacht!» Und die Geschichte geht dennoch gut aus, wie es Heimatromane halt so zu tun pflegen.

«Perfekter Ort für das Stück»

Die Leitung hat die 35-jährige Regisseurin und Schauspielerin Eva Mann. Sie hat zuvor in Deutschland, den USA und Russland gearbeitet. Sie sei fasziniert vom Setting in Schwarzenburg, vom Spielort in der Thujahecke mit dem alten Speicher im Hintergrund und vom abgegrenzten Umschwung als Bereich hinter der Bühne, sagt sie vor der Probe. «Das ist ein perfekter Ort für eine Freilichtaufführung», so Mann, und vor allem passe er zu diesem Stück.

Sie freue sich auch am Engagement der Truppe, die ihr Hobby genauso mit Begeisterung angehe, wie sie ihren Beruf. Die Schauspieler hätten sich von Beginn an eingebracht, sie hätten das Stück gemeinsam entwickelt. Das komme ihrer Arbeitsphilosophie entgegen. Sie arbeite lediglich mit einem Gerüst, welches den Rahmen vorgebe. «Wir hatten alle Lust, dieses kreative Projekt gemeinsam aus der Taufe zu heben.» So stamme die Figur des Gletschergeistes, eine Art Handpuppe, der Fantasie eines Teammitglieds mit handwerklichem Geschick.

Die «Geierwally» sei eine Geschichte über den Zwiespalt, unter dem Individuen leiden, die sich zwar um jeden Preis selbst verwirklichen möchten, dabei aber feststellen, dass sie Gemeinschaft brauchen und dazugehören. Die Themen, die das Stück, wie die bald 150 Jahre alte Romanvorlage auch, ansprechen – die Emanzipation der Frau etwa, die Suche nach dem perfekten Wunschpartner, das Streben nach dem eigenen Glück auf Kosten anderer, der Jugendwahn und das «Wutbürgertum» –, seien so aktuell wie eh und je. Wally suche ihren eigenen Weg und versuche, sich von ihrem Vater zu emanzipieren. Dabei verhalte sie sich aber oft nicht minder bösartig wie ihr Vater.

Den Stoff habe sie schon länger im Fokus gehabt, so Mann weiter. «Mein Hirn ist ein ­Eierstock, in welchem viele Ideen geboren werden.» Dann habe sie den Ruf nach Schwar­zenburg erhalten. Sie habe die Thujabühne gesehen und festgestellt, dass der Ort das perfekte Bühnenbild zum Stück geben würde. Der Vorstand sei auf ihren Vorschlag gerne eingegangen. Sie vermutet, dass die Verantwortlichen nach dem Vreneli von Guggisberg, die zwar beim Publikum beliebt war, sich ihrem Schicksal aber etwas gar widerstandslos gefügt habe, dieses Mal eine starke Frauenfigur in den Mittelpunkt stellen wollten. Und im Gegensatz zum Vreneli sei für die Wally ein Happy End vorgesehen. Einen Spiegel halte sie der Bevölkerung mit dem Stück eigentlich nicht vor, so Mann. Zu weit weg sei die Geschichte. Die überzeitliche Legende schaffe Distanz. Wenn sich jedoch dennoch jemand darin selbst erkenne, sei das durchaus beabsichtigt.

Vorschau

Freiheit und Not in den Alpen

Die Premiere von «Geierwally» der Bühne Schwarzenburg im Freilichttheater im Than («Thujahecke») ist am Freitag nächster Woche, 14. Juli. Bis zum 19. August sind 20 weitere Aufführungen des Stücks geplant. Spielbeginn ist jeweils um 20.30 Uhr. Das Stück dauert etwa eineinhalb Stunden. Die Abendkasse wird um 18.30 Uhr geöffnet. Wie in den Vorjahren wird auch dieses Jahr ein Genusstheater mit Nachtessen im Restaurant Sonne angeboten, ein Dreigänger inklusive Theatereintritt für 65 Franken. Das Theaterbistro bietet Grilladen, Salate, Snacks und kalte und warme Getränke an.

fca

 

Informationen über die Wetterbedingungen bietet das Telefon unter Nummer 1600. Informationen und Reservation im Internet unter www.buehne-schwarzenburg.ch