Schwarzenburg 29.12.2016

Der Esel ist der Sündenbock

Der Esutriber mit dem Esu.
Hiebe in der Silvesternacht: Am Samstag muss der Esel für die Sünden der Schwarzenburger hinhalten. Der «Altjahrsesu» ist ein alter Brauch, der nicht mit Nachwuchsproblemen kämpft und die bösen Geister verjagt.

Am Silvesterabend punktgenau auf den achten Glockenschlag der Dorfkapelle «Chäppeli» erklärt der «Oberesu» den Schwarzenburger Brauch «Altjahrsesu» jeweils als eröffnet: Die bunte Gruppe mit eigener «Esumusig» beginnt ihre Silvester-Tour mit dem Ziel, die bösen Geister zu vertreiben. Die Truppe ist streng geordnet nach Figuren, zuvorderst sind der «Anführer» und der «Esuführer» samt seinem «Esu». Ihnen folgen die «Esumusig», das «Brutpaar» mit dem «Altjahrspfarrer» und weitere Begleiter. Der «Esu» hat ein schweres Los: Jedes Jahr an Silvester muss er für alle Sünden der Schwarzenburger herhalten und kriegt vom «Esuführer» Prügel. Die FN haben den Esel auf dem Dorfplatz getroffen.

Lieber Altjahrsesu*, wie geht es Dir?

Am Jahresende geht es mir immer gut, da kann ich das alte Jahr streichen und ein neues beginnen.

Aber Dir steht am Silvesterabend doch ziemlich harte Arbeit bevor? Wirst du nicht für alles Schlechte aus dem alten Jahr verdroschen?

Ja, das stimmt schon, die Menschen führen mich durch das Dorf und verprügeln mich jämmerlich – aber ich habe eine dickes Fell. Und wenn es mir zuviel wird, kann ich schon auch mal aufmüpfig werden: Ich bin berühmt für meine störrischen Sprünge.

Du machst diese Arbeit offenbar schon seit vielen Jahren – wie alt bist du denn?

Ich verdränge, wie alt ich bin. Genau weiss das auch niemand. Es gab eine Zeit, in der mich die Menschen vernachlässigt haben. Nach dem Kriegsende kamen sie wieder zu mir. Das macht mich schon froh, denn auch wenn ich mit meinem Rücken für all die Sünden herhalten muss – wer will schon ohne Aufgabe sein?

Bist du ein waschechter Schwarzenburger?

Waschechter geht gar nicht, etwas anderes kommt bei diesem Brauchtum auch gar nicht infrage.

Weisst du, warum sie dich ausgesucht haben?

Für euch Menschen sind wir Esel halt Lasttiere. Kühe geben Milch, Schafe liefern den Menschen Wolle und Fleisch, und ich Esel muss die Last von vielen kleineren und grösseren Sünden auf mich nehmen.

Weisst du, was die Schwarzenburger dieses Jahr verbrochen haben?

In einem Jahr mit Gemeinderatswahlen ist es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass Lügen verbreitet wurden. Der Wahlkampf ist nicht immer edel. Das kann ich aus Erfahrung sagen. Mir tut mein Rücken jetzt schon weh.

Was machst du denn während dem Rest des Jahres?

Ich erhole mich. Das braucht Zeit. Der Eseltreiber schaut gut zu mir, er pflegt meine Wunden und gibt mir gutes Futter. *Name der Redaktion bekannt

Ein altes heidnisches Ritual

Der Höhepunkt ist die Predigt des Altjahrspfarrers

Der Silvesterbrauch «Altjahrsesu» hat einen nicht näher bekannten heidnischen Ursprung und wurde kurz nach den Kriegsjahren durch einen Schwarzenburger Dorfschullehrer wieder ins Leben gerufen. Wie bei anderen Bräuchen, die in die Zeit zwischen Weihnachten und Anfang Jahr fallen, geht es bei dem Ritual auch in Schwarzenburg um das Vertreiben von bösen Geistern. Menschen verkleiden sich und ziehen Masken an in der Hoffnung, die Dämonen zu irritieren und zu verjagen. Der Schwarzenburger Brauch «Altjahrsesu» ist auf der Unesco-Liste zur «Bewahrung des immateriellen Kulturerbes» zu finden.

Das Fass mit Wein füllen

Am Samstag werden die verschiedenen Figuren des Schwarzenburger Brauchtums durch die Gassen und Wirtshäuser ziehen und ihre Spielchen treiben. Beim ersten Wirtshaus stösst der Anführer ins Horn, tritt ein und fragt den Wirt: «Isch dr Esu erloubt?». Die Restaurants sind meistens voll besetzt. Die Musik spielt, das Brautpaar tanzt, die restlichen Figuren treiben Schabernack, bis der Anführer dem Altjahrspfarrer das Wort übergibt: Der Höhepunkt des Abends ist die Altjahrspredigt auf dem Dorfplatz, die immer mit den Worten «Liebi Dorflüt — u wär süsch no zuelost» beginnt. «Der Dorfplatz ist immer gefüllt bis zum letzten Platz mit Zuschauerinnen und Zuschauern», sagt der Eselratspräsident Walter Wenger im Gespräch mit den FN. Bei der Predigt komme so mancher Schwarzenburger auf seine Rechnung: «Es gibt eigentlich keine Grenzen.» Es würden jedoch keine Namen genannt, «aber für uns Schwarzenburger ist klar, wer gemeint ist».

Während der Predigt macht sich der «Fässliträger» an den Wirt heran und lässt sich einen oder mehrere halbe Liter Weisswein ins Fässli füllen. Diesen wird die Gruppe dann am nächsten Tag beim ebenso traditionellen «Ussuufe» trinken.

Keine Frauen erlaubt

Nur einmal im Jahr komme die «Altjahrsesu»-Mannschaft zur Rollenverteilung zusammen, erzählt Wenger. Dazu rufe der «Oberesu» im Dezember auf. «Wir vergeben die Rollen streng nach Dienstjahren.» Mitmachen könnten ausschliesslich Männer ab 18 Jahren, Frauen sind nicht erlaubt. Sonst ist die Gruppe nicht organisiert: «Wir sind also kein Verein – sondern eben Esler», sagt Walter Wenger lachend.

Wenger ist 53 Jahre alt. Seit er 16 ist, macht er bei den «Eslern» mit. «Damals hatte der Brauch einen schlechten Ruf, es war zum Teil eine wilde Sauferei.» Das sei nicht ungefährlich gewesen, denn mit den grossen Masken könnten die Figuren nicht viel sehen, so Wenger. Deshalb hätten sie einen Eselrat gebildet, der für Ordnung sorgt: «Es gibt jetzt klare Regeln, damit nichts aus dem Ruder läuft und wir die Qualität des Umzugs beibehalten können.»

Damit ein Schwarzenburger beim Eselrat dabei sein darf, müsse er zehn Jahre lang beim Umzug mit dabei gewesen sein, erklärt Esuratspräsident Wenger. Aber auch wenn es kein Saufgelage sein soll, trinken dürfen die Figuren. «Deshalb haben wir das Mindestalter auf 18 gesetzt.» Nicht trinken gehe fast nicht, «aber es kommt eben darauf an, wie viel».

Mit Nachwuchsproblemen hat das Schwarzenburger Brauchtum nicht zu kämpfen: «Wir haben immer wieder neue Esler.» Das Ritual habe etwas Faszinierendes: «Ich war als Knabe beeindruckt von den Figuren, die durch die Gassen zogen, ich wollte unbedingt mit dabei sein.» Die Kostüme und die Atmosphäre seien einzigartig, schwärmt Wenger.

Der dumme «Tüfu»

Finanzieren täten sie sich einzig durch Spenden, so Wenger. «Der Kässeler läuft mit beim Umzug und sammelt Geld ein.» Auch mit dem «Esublatt» könnten sie Einnahmen generieren. Das Blatt mit Anekdoten und Erklärungen zu den Figuren kommt während des Umzugs in den Verkauf. So steht der «Tüfu» in dieser Gruppe zum Beispiel nicht wie in Märchen und Sagen für das Böse, sondern er ist ein dummer Teufel, welcher von den schlauen Menschen dauernd übers Ohr gehauen wird. Mit seiner Holzrätsche verjagt er Knaben und Mädchen, wenn sie zu frech werden. Diese rennen fröhlich davon. Wenn der «Tüfu» den anderen Figuren zu Hilfe kommt, sind sie aber schon wieder bereit, ihn zu necken.

Wertvolle Holzmasken

Vor ein paar Jahren hätten sie die Original-Holzmasken der Figuren kopiert: «Die Originale sind wertvoll und jetzt in einem Bankschliessfach, damit sie sicher nicht kaputtgehen und erhalten bleiben», erklärt Wenger. Um die Kosten dafür zu tragen, hätten sie ein Götti-Konzept auf die Beine gestellt. «Wir funktionieren selbsttragend und haben ein gutes Polster.» Sie seien in Schwarzenburg gut aufgenommen, «und wir können auf grosse Sympathien zählen», sagt der Esuratspräsident stolz.

emu

www.altjahrsesu.ch